Fermentierter Fisch, Käse mit Maden, Blutwurst oder Innereien: In den Küchen Europas gibt es Spezialitäten, die selbst gestandene Feinschmecker zunächst einmal zurückschrecken lassen. Doch Ekel ist subjektiv. Was in einem Land als altbewährte Delikatesse gilt, sorgt in anderen Ländern für Stirnrunzeln – oder löst sogar physische Ablehnung aus. Das Disgusting Food Museum in Berlin zeigt Besuchern, wie schmal der Grat zwischen Ekel, Neugier und kulinarischer Tradition sein kann.
Das Konzept entstand im schwedischen Malmö; Seit 2021 gibt es das Museum auch in Berlin. Die Ausstellung will nicht nur schockieren, sondern erklären, warum Menschen so unterschiedlich auf Essen reagieren.
„Wir wollen zeigen, dass Ekel etwas ist, das uns alle betrifft. Und dass er kulturell bedingt ist, aber auch in der Evolutionsbiologie verwurzelt ist“, sagt Museumsleiterin Alexandra Bernsteiner. „Und das machen wir mit etwas, das wir am besten dreimal am Tag machen: Essen.“ Das Museum versteht sich daher auch als Ort des Perspektivwechsels. Ziel ist es, Vorurteile abzubauen und unterschiedliche Kulturen, aber auch unterschiedliche Sichtweisen auf Essen näher zusammenzubringen.
Ekel ist kulturell erlernt
Fast 100 ungewöhnliche Lebensmittel aus aller Welt können im Disgusting Food Museum bewundert werden, wo Besucher eingeladen sind, sich ihrer Zimperlichkeit zu stellen.
Unsere Ekelreaktion wird oft durch Geruch, Textur, Aussehen oder durch das Wissen, wie ein Produkt hergestellt wird, ausgelöst. Gleichzeitig ist das Gefühl kulturell geprägt: Was manche Menschen abstößt, ist anderswo ein alltägliches Lebensmittel – oder sogar eine Quelle kulinarischen Stolzes. Genau hier setzt das Museum an. Es zeigt, dass Essen immer Identität, Erinnerung und Zugehörigkeitsgefühl in sich trägt.
Und Ekel schützt auch. Laut Alexandra Bernsteiner ist dieser erste Reflex oft das Warnsignal des Körpers. Gleichzeitig kann es sich durch Vertrautheit, Wissen und Kontext verändern.
Deutschland: deftige Kost mit Ekelpotential
Auch Deutschland hat seine kulinarischen Grenzfälle. Ein Beispiel ist die Brotsuppe, ein einfaches Gericht aus altbackenem Brot und Brühe, oft verfeinert mit Zwiebeln und Fett. Was wie eine Möglichkeit der Resteverwertung klingt, steht in Wirklichkeit für eine lange Tradition des sparsamen Kochens.
Weitaus auffälliger ist Milbenkäse aus Sachsen-Anhalt. Bei dieser Spezialität reift der Käse mithilfe von Käsemilben, deren Kot für das charakteristische Aroma sorgt. Für Außenstehende klingt das wie ein kulinarischer Albtraum; In der Region wird es mit Handwerkskunst und Tradition assoziiert. Auch geliertes Fleisch, kurz Sülze, fällt in diese Kategorie: Fleischstücke werden in Sülze oder Gelee eingelegt und die wackelige Konsistenz kann schnell zu Reizungen führen. Der Pfälzer Saumagen wiederum ist eine deftige Mischung aus Fleisch, Kartoffeln und Gewürzen, die im Schweinemagen gegart wird. Gerade diese Hülle schreckt viele Menschen zunächst ab, obwohl das Gericht fest in der regionalen Küche verankert ist.
Italien: der Käse, der lebt
Italien ist die Heimat von Casu Marzu, dem vielleicht bekanntesten widerlichen Gericht Europas. Dieser sardische Käse ist absichtlich mit Fliegenlarven befallen, die ihn weiter fermentieren lassen. Die Maden werden oft zusammen mit dem Käse gegessen. Das Ergebnis ist ein sehr weicher, intensiv riechender Pecorino, der für viele abstoßend ist, der aber vor Ort als Delikatesse gilt.
Auch Seeigel aus Süditalien passen in dieses Muster. Vor allem in Küstenregionen werden sie frisch geöffnet und direkt aus der Schale geschöpft. Ihr roher, intensiv maritimer Geschmack und ihre ungewohnte Konsistenz machen sie für viele Menschen zu einer Belastungsprobe an der Ekelschwelle. Gerade hier liegt der Reiz für Feinschmecker.
Schweden: Wenn Geruch die Herausforderung ist
Schweden ist mit Surströmming vertreten, dem berüchtigten fermentierten Hering. Das Gericht ist vor allem für seinen überwältigenden Geruch bekannt, weniger für seinen Geschmack. Schon das Öffnen der Dose gilt als Mutprobe. In Schweden ist Surströmming ein traditionelles Essen; im Ausland ist es oft ein totaler Angriff auf die Sinne. Im Disgusting Food Museum in Berlin wird für besonders mutige Besucher einmal im Monat eine frische Dose Surströmming geöffnet.
Frankreich: eine Wurst mit Charakter
Auch Frankreich, das Land der Haute Cuisine, hat Spezialitäten zu bieten, die nicht jedermanns Geschmack sind. Ein besonders markantes Beispiel ist Andouillette. Diese grobkörnige Wurst enthält Innereien, meist Schweinedärme und manchmal auch Magen, und ist für ihren stechenden Geruch bekannt. In Regionen wie Troyes oder Lyon gehört es zur klassischen lokalen Küche.
Polen: Blut, Brühe und Säure
Auch in Polen gibt es Gerichte, die im Ausland für Verwirrung sorgen können. Am bekanntesten ist wohl die Kaszanka, eine Grützwurst mit Buchweizen oder Gerste, Gewürzen und Schweineblut. Es spiegelt eine Küche wider, die auf sättigenden, einfachen und kräftigen Zutaten basiert.
Noch ungewöhnlicher ist Czernina, eine Entenblutsuppe mit süß-saurer Note. Auch für Außenstehende kann Żurek, die saure Roggensuppe, eine Überraschung sein, da ihr würziger, fermentierter Geschmack weit von den bekannten Vorstellungen davon entfernt ist, wie eine Suppe schmecken sollte.
Island und Asien: vergoren, getrocknet, stinkend
Aber es gibt noch ungewöhnlichere Köstlichkeiten aus anderen Teilen der Welt. Aus Island kommt Hákarl, fermentiertes und getrocknetes Fleisch vom Grönlandhai. Die Spezialität ist vor allem für ihren scharfen Ammoniakgeruch bekannt. Dazu wird normalerweise Brennivín serviert – ein typisch isländischer Schnaps, der bei diesem intensiven Geschmackserlebnis helfen soll.
Aus Asien kommen zwei klassische Geruchsspezialitäten: Durian und stinkender Tofu. Durian wird oft als „Stinkfrucht“ bezeichnet, während Stinktofu seinem Namen alle Ehre macht. Beide Lebensmittel zeigen, dass Ekel oft beim Geruch und nicht beim Geschmack beginnt. Dieser erste Sinneseindruck entscheidet oft darüber, ob etwas als Delikatesse oder als Zumutung wahrgenommen wird.
Essen als Identität
Das Disgusting Food Museum macht all dies zu mehr als nur einer Sammlung bizarrer Gerichte. Die Ausstellung präsentiert ungewöhnliche Lebensmittel aus aller Welt und möchte die Besucher dazu bringen, ihre eigene Ekelschwelle zu hinterfragen.
Wer möchte, kann an der Probierbar unter anderem auch essbare Insekten probieren. Hier liegt der eigentliche Reiz des Museums: Ekel wird nicht als rein negative Reaktion behandelt, sondern als Ausgangspunkt für ein Gespräch über Kultur, Gewohnheit und Konsum. Alexandra Bernsteiner sagt, dass viele Besucher aus Neugier und nicht nur aus Skepsis kommen. Besonders experimentierfreudig sind junge Paare und Kinder.
Dazu passt eine einfache Erkenntnis: Was uns heute fremd erscheint, kann mit der Zeit ein fester Bestandteil unserer Ernährung werden. Was für den einen ungenießbar ist, ist für den anderen ein vertrautes, traditionsreiches Gericht. Letztlich werden unsere kulinarischen Vorlieben auch von den Ressourcen geprägt, die uns in Zukunft zur Verfügung stehen.
