Das Auge des Roboters gleitet lautlos über die Petrischale. Das Gericht enthält Dutzende winziger schwarzer Punkte, die kaum größer als Mohnsamen sind. „Das ist der schwierige Teil“, sagt Rudolf Meier und fügt hinzu: „Der Roboter weiß nicht, wo etwas ist, was es ist und welche Größe es hat.“
Rudolf Meier ist Insektenforscher und Evolutionsbiologe. Er ist Leiter des Zentrums für Integrative Biodiversitätsentdeckung am Museum für Naturkunde in Berlin und sein Ziel ist es, die Art und Weise der Erfassung von Biodiversität zu revolutionieren. Eine Glasbox, die mit einem Laptop verbunden ist: Das Gerät, mit dem er gerade arbeitet, heißt Diversity-Scanner und sieht auf den ersten Blick nicht besonders spektakulär aus. Bemerkenswert ist jedoch, was diese Maschine leisten kann: Sie fotografiert, vermisst, sortiert Insekten automatisch und bereitet sie für die DNA-Analyse vor. Die dabei entstehenden Bilder und Daten dienen dem Training von KI-Modellen, die künftig Insekten selbstständig identifizieren sollen. Meiers Team hat dieses Gerät gemeinsam mit Robotik- und Künstliche-Intelligenz-Experten des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) entwickelt.
Das Kameraauge wird sehr langsam über einen Punkt gesenkt. Einen Moment später erscheint ein zwanzigfach vergrößertes Bild auf dem Bildschirm. Es zeigt eine weit verbreitete Fliegenart. „Diplonevra nitidula ist eine der häufigsten Arten in Europa“, sagt Rudolf Meier. „Wir fangen viele davon, wenn wir Fallen aufstellen.“
Wir können nicht schützen, was wir nicht kennen
Es ist eine sehr lohnende Anstrengung. Obwohl diese Fliegenart sehr verbreitet ist, wissen wir überraschend wenig darüber. Und das, obwohl gewöhnliche Arten die meiste Arbeit in Ökosystemen leisten. Meier erklärt, dass ihr Rückgang schwerwiegendere Folgen haben kann als das Verschwinden einer seltenen Art, die eine besondere Funktion erfüllt. Dennoch konzentrierte sich die Forschung lange Zeit auf sogenannte charismatische Arten. Dabei handelt es sich in der Regel um große Tiere, die eine breite Anziehungskraft haben oder bedroht sind. „Das verzerrt unser Wissen über die Natur“, stellt Rudolf Meier fest. Als Beispiel nennt er die rund 27.000 Natura 2000-Gebiete, die Europas größtes Schutzgebietsnetz bilden. Diese gelten als zentrales Instrument der europäischen Naturschutzpolitik. Ein großer Teil der Arten bleibt unbekannt, obwohl Organismen genetische Spuren im Boden und im Wasser hinterlassen. Aufgrund fehlender internationaler Referenzdaten ist eine Einordnung als Art oft nicht möglich. Dadurch bleiben sie „dunkle Taxa“ – Spuren unbekannter Lebensformen – die eine wirksame Umsetzung europäischer Schutzstrategien erschweren.
