Die Mitgliederkarten der NSDAP sind online einsehbar. Gut, sagt Thomas Weber. Aber es braucht mehr, denn der Nationalsozialismus bestand nicht allein aus den Mitgliedern der Nazipartei. Worauf es ankommt, erklärt der Historiker im Interview.
Millionen Deutsche waren einst Mitglieder der NSDAP. Im März stellte das US-Nationalarchiv Millionen Mitgliedskarten der Nazipartei online. Das Interesse ist seitdem riesig, zahlreiche Menschen suchten und suchen online nach ihren Vorfahren. Das ist ein wichtiger Schritt, sagt Thomas Weber. Aber doch nur ein Anfang, um das Wesen des Nationalsozialismus, seine Attraktivität und auch die Ermöglichung seiner Verbrechen zu verstehen, betont der Historiker.
Warum greift es zu kurz, nur die Rolle der NSDAP-Mitglieder zu betrachten? Wieso ist der heutige Blick auf den Nationalsozialismus verkürzt? Und wie kann tatsächlich Lernen aus der Vergangenheit möglich sein? Diese Fragen beantwortet Thomas Weber im Gespräch.
t-online: Professor Weber, dank des US-Nationalarchivs sind seit März Millionen Mitgliedskarten der NSDAP online einsehbar, zahlreiche Menschen haben bereits nach ihren Vorfahren recherchiert. Wer war aber eigentlich ein Nationalsozialist?
Thomas Weber: Damit sind wir bereits beim Kern des Problems angekommen. Formalistisch gesehen zählt jeder Mensch zu den Nationalsozialisten, der Mitglied der NSDAP oder einer ihrer zentralen Unterorganisationen wie der SA oder SS gewesen ist. Ideologisch betrachtet müssen wir den Kreis der Zugehörigkeit zu den Nationalsozialisten aber größer ziehen und auch die dazu rechnen, die auch zeitweise versucht haben, dem NS-Regime Vorschub zu leisten. Wir stellen die falschen Fragen an unsere Vorfahren.
Eigentlich müsste die Frage nicht lauten „War meine Oma in der NSDAP?“, sondern „Wie hat meine Oma dazu beigetragen, dass sich eine Tyrannei zwölf Jahre an der Macht halten und Europa mit Vernichtung und Genozid überziehen konnte?“ Und hier wird es schnell kompliziert.
Zur Person
Thomas Weber, geboren 1974, lehrt Geschichte und Internationale Politik an der University of Aberdeen und leitet das dortige Centre for Global Security and Governance. Derzeit ist der Historiker Visiting Fellow der Hoover Institution an der amerikanischen Stanford University. Weber ist Autor mehrerer Bücher. 2016 veröffentlichte er „Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde. Vom unpolitischen Soldaten zum Autor von ‚Mein Kampf‘„. Im Herbst 2025 brachte Weber den Band „Wenn das Gestern anklopft. Weimar und die Wiederkehr der Geschichte“ (mit Philipp Ruch) heraus.
Die Auswertung der NSDAP-Mitgliederkartei ist formalistisch. War dieser Mensch Mitglied der NSDAP oder nicht? Damit wissen wir nicht einmal etwas über die Umstände oder über die Motivation für den Parteibeitritt. Kompliziert wird es, wenn wir die Ideologie der Menschen damals hinzuziehen und uns fragen, was für ein Rad sie in der Todesmaschine des Dritten Reiches waren. Als Kind und Jugendlicher war ich immer sehr glücklich darüber, dass mein Opa Heinrich weder in der NSDAP noch Soldat gewesen ist.
Er hat aber in der Versuchsabteilung von Continental Reifen gearbeitet und Patente angemeldet, hat also geholfen, die NS-Kriegs- und Waffenindustrie weiterzuentwickeln. Außerdem war er der NS-Kulturkammer beigetreten, um weiterhin seine Bilder ausstellen zu können. Hat er daher wirklich einen geringeren Beitrag an den NS-Menschheitsverbrechen als eine meiner Großmütter geleistet, die in einem hessischen Dorf in der zweiten Kriegshälfte zusammen mit den Mitgliedern ihrer BdM-Gruppe der NSDAP beigetreten ist? Dazu kommt, dass wir viel zu oft mit einer karikaturartigen Vorstellung davon im Kopf herumlaufen, was Nationalsozialisten sind.











