Abgeblasener Kanzlersturz
Diese drei Szenarien zu Merz‘ Zukunft scheinen möglich
27.09.2026 – 09:00 UhrLesedauer: 7 Min.
Die CDU hält an Friedrich Merz als Kanzler und Parteichef fest, erst einmal zumindest. Doch wie geht es nun weiter mit ihm und mit der Union? Verschiedene Szenarien sind denkbar, gut spekulieren lässt sich über die folgenden drei.
Als Friedrich Merz (CDU) am vergangenen Dienstag vorn im großen Sitzungssaal der Unionsfraktion im Bundestag steht, lächelt er. Fast gelöst wirkt der Kanzler für einige Sekunden, so als wüsste er in diesem Moment bereits, was sich drei Stunden später auch herausstellt: Diese letzte Hürde nehme ich jetzt auch noch, fast geschafft, danach kehrt wieder etwas Ruhe ein.
Der Kanzler und Parteichef, der in den Wochen seit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt so angeschossen wirkte, dass nicht wenige auf seinen Sturz spekulierten, scheint tatsächlich fürs Erste gerettet, die Debatte über seine Person ist in der CDU vorerst abgeblasen. Trotz seiner katastrophalen persönlichen Beliebtheitswerte, vor allem aber trotz der historischen Wahlniederlage vom vergangenen Sonntag, als die CDU in Mecklenburg-Vorpommern erstmals in ihrer Geschichte den Einzug in einen Landtag verpasste.
Eigentlich, so hatten es vorab viele in der CDU hinter vorgehaltener Hand erzählt, hätte genau dieser desaströse Wahlausgang zur Personalfrage führen müssen. Doch weil die Kanzler-Ersatzkandidaten, über die viele tuschelten, Hendrik Wüst (CDU) aus NRW und Markus Söder (CSU) aus Bayern, wohl doch nicht zupacken wollten, und auch weil Merz mit seinem frühen Statement am Wahlsonntag schon vor Feststehen des Katastrophenausmaßes sagte, er mache weiter, blieb die Palastrevolution aus.
Ist die Gefahr aus den eigenen Reihen für Merz damit gebannt? Oder ist der Kanzlersturz nur aufgeschoben? Wie geht es weiter für Merz, für die CDU? t-online umreißt drei mögliche Szenarien für die kommenden Monate, die auf Gesprächen mit Mandatsträgern und Parteiinsidern fußen, teils aber auch aus reiner Beobachtersicht näher oder ferner liegen: So muss es nicht, aber so könnte es kommen.
Szenario 1: Der Reformherbst gelingt – Merz reüssiert
Es ist der Ausgang der Geschichte, den sich Merz am meisten wünscht – jedoch auch der, bei dem selbst ihm inzwischen klar sein dürfte: für einen Sechser im Lotto bräuchte es vermutlich weniger Glück als für die große Kanzler-Beliebtheitswende.
Dennoch, theoretisch möglich ist es natürlich: Schwarz-Rot nimmt in den nächsten Wochen an den geplanten Reformen nur noch kleinere Änderungen mit gleichzeitig großer symbolischer Wirkung vor. Etwa die Rücknahme der geplanten Pflicht für eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung am ersten Krankheitstag, vielleicht ergänzt die Koalition auch ein paar wenige Ausnahmen vom Aus für die „Rente mit 63“. Insgesamt aber hält das Regierungsbündnis sonst fest am eingeschlagenen Kurs – auch weil Merz und die SPD-Chefs die Kompromisse in ihren Parteien erfolgreich durchsetzen.
Zugleich findet der Kanzler in diesem Szenario einen für ihn passenden gefühligeren Ton zur Ansprache der Menschen – und die CDU legt einen kleinen programmatischen Schwenk hin, der die Menschen überzeugt, etwa Ideen, die den Alltag der Deutschen bezahlbarer machen. Seinen Koalitionären gelingt es zudem, ihre Reformagenda mit einer größeren Ruck- und Gerechtigkeitserzählung zu erklären, während die protestierenden Gewerkschaften mit ihren schrillen Tönen aus der Zeit gefallen scheinen. Niemand tanzt zur eigenen Profilierung aus der Reihe, weil bis zum Frühjahr keine Landtagswahlen mehr anstehen. Die Regierung hakt sich unter und Merz steht als der handlungsfähige Reformkanzler da, den er selbst so gern in sich sieht.