Rätsel durch Leak gelöst
Russische Trollfabrik schickte Skelette ans Brandenburger Tor
24.05.2026 – 11:23 UhrLesedauer: 5 Min.
Ein Leak einer für den Kreml arbeitenden Agentur gibt Einblicke, dass deren Trolle nicht nur digital agieren. Die Infokrieger aus Moskau stecken auch hinter Skeletten am Brandenburger Tor sowie Schweineköpfen und Sexpuppen in Paris.
Es war ein kurzer Einsatz für die Polizei Berlin am Morgen des 31. Juli 2025: Fünf Plastikskelette waren über Nacht am Brandenburger Tor aufgetaucht, an Latten befestigt und in mit Beton gefüllten Eimern aufgestellt. Sie waren so schnell vergessen, wie die Berliner Stadtreinigung sie für den Müll auflud – eine seltsame Kunstaktion, hieß es, keine Straftat, keine Ermittlungen, auch in der Lokalpresse keine Meldung.
Hier war gerade ein Versuch aus Moskau gescheitert, in Deutschland Stimmung zu machen. Die Hintergründe und Hinterleute werden jetzt durch Urteile in Serbien und ein Datenleck bei Russlands aktivster Trollfabrik, der Social Design Agency (SDA), bekannt. Die Dokumente in dem Leak liegen t-online vor und geben neue Einblicke: So wird ein paar Gehminuten vom Kreml entfernt bei Russland aktivsten Infokriegern gedacht, geplant und umgesetzt.
Die Skelette vor dem Brandenburger Tor sollten etwas erreichen, was russische Propaganda auch mit erfundenen Geschichten etwa über Merz als Eisbärenbaby-Killer versucht und die Bundesregierung ohne viel fremdes Zutun geschafft hat: die Beliebtheitswerte von Kanzler Friedrich Merz zu drücken. Die Skelette hielten ein Schild: „Warte immer noch auf meine Rente. Danke, Merz“.
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Den Auftrag für die Aktion hatte nach neuen Erkenntnissen die Moskauer Agentur erteilt und ihn an eine Gruppe Serben delegiert, die über München nach Berlin gereist war. Die Gruppe war sechs Wochen später auch beteiligt, als in Paris Empörung bei Muslimen geschürt werden sollte. Quer durch Paris wurden Schweineköpfe vor Moscheen ausgelegt. Anders als die traurigen Skelette machte diese Aktion weltweit Schlagzeilen. Französische Behörden vermuteten früh, dass Russland dahinterstecken könnte.
„Firma hat ihr Arbeitsfeld erweitert“
Das Leak liefert die Bestätigung. Und es zeigt, dass die Trollfabrik längst nicht mehr nur digital operiert und sich auch professionalisiert hat. Das sagt auch der Politikwissenschaftler Thomas Rid, Professor für Strategische Studien an der Johns Hopkins University und Autor des Buchs „Aktive Maßnahmen. Die geheime Geschichte von Desinformation und Politischer Kriegsführung“. Er hat das SDA-Leak von 2024 mit 3.000 Dateien untersucht und über das Leak in der führenden Fachzeitschrift „Foreign Affairs“ publiziert.
„Sie agieren eben nicht mehr nur im digitalen Raum, sondern auch bei Operationen auf der Straße wie in Paris oder in Berlin“, sagt er t-online. „Das sieht nach Operationen nach nachrichtendienstlichem Vorbild aus, und das kannten wir bislang von der Firma nicht. Sie haben ihr Arbeitsfeld damit erweitert.“ Das Leak zeige, dass sich die Mitarbeiter der SDA inzwischen mehr mit operativer Sicherheit und Kommunikationssicherheit befassen.









