Was ist ein echter Durchbruch in der Krebsmedizin?
Während Andre den Schwerpunkt auf die rasanten wissenschaftlichen Fortschritte legt, steht für Kaiser die Frage im Vordergrund: Woran lässt sich medizinischer Fortschritt überhaupt messen?
„Das zentrale Ziel in der Onkologie ist immer, dass Patientinnen und Patienten länger überleben oder eine bessere Lebensqualität haben“, sagt Kaiser. Doch dieses zentrale Ziel sei bei der Entwicklung neuer Krebsmedikamente zunehmend aus dem Blick geraten. Denn gerade dieser Nachweis fehle bei vielen neuen Krebsmedikamenten. Stattdessen würden in Zulassungsstudien häufig sogenannte Ersatzendpunkte untersucht – etwa, ob ein Tumor schrumpft oder langsamer wächst. Solche Ergebnisse seien zwar medizinisch relevant, beantworteten aber nicht zwangsläufig die Frage, ob Patienten tatsächlich länger oder besser leben.
Hinzu komme, dass neue Medikamente immer häufiger ohne direkten Vergleich mit der bisherigen Standardtherapie untersucht würden. Dadurch bleibe vielfach unklar, ob sie den bisherigen Behandlungen wirklich überlegen seien. Die Zulassung eines Medikaments oder Tests garantiere deshalb allein noch keinen Fortschritt für Patienten, so Kaiser.
Anforderungen an Zulassungen sinken
Auch Andre teilt den Anspruch, dass der Nutzen neuer Krebstherapien wissenschaftlich belastbar belegt werden muss. Aus seiner Sicht lässt sich dieser Nutzen aber nicht allein am Gesamtüberleben messen. Für Patienten könne es ebenso entscheidend sein, Tumore früher und gezielter zu behandeln, Rückfälle oder eine nächste Therapie hinauszuzögern. Deshalb würden in medizinischen Leitlinien und von Fachgesellschaften auch andere wichtige Kriterien berücksichtigt – etwa wie lange eine Krankheit ohne Verschlechterung bleibt oder wie lange Patienten ohne Beschwerden oder einen Rückfall leben, so Andre.
Kaiser hält dagegen, dass die Anforderungen für die Zulassung neuer Therapien und Tests in den vergangenen Jahren sowohl in Europa als auch in den USA abgesenkt worden seien. Diese Entwicklung müsse aus seiner Sicht noch einmal überdacht werden.
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Ungleicher Zugang zu Krebsmedikamenten
Für Andre liegt die größte Herausforderung der Onkologie heute nicht mehr in fehlenden wissenschaftlichen Durchbrüchen, sondern darin, diese Innovationen möglichst schnell in die Versorgung zu bringen.
Auch beim Blick nach Europa werde dies deutlich. Während neue Krebsmedikamente in Deutschland häufig wenige Wochen nach der europäischen Zulassung verfügbar seien, müssten Patienten in anderen Ländern teilweise mehr als ein Jahr warten. „Wenn Sie das Pech haben, zehn Kilometer über der Grenze zu wohnen und an Krebs erkrankt sind, werden Sie vielleicht früher an dieser Erkrankung sterben, weil neueste Medikamente nicht verfügbar sind.“










