Der Frühling kommt – und in unserem Körper ist eine Menge los. Wie wir ihn dabei unterstützen können, erklärt Dr. Yael Adler.
Generationen von Poeten mühten sich ab, ihn zu besingen und sein Licht, seine Farben sowie seine Düfte vor unserem geistigen Auge hell erstrahlen zu lassen. Aber dann kamen plötzlich Wissenschaftler um die Ecke, um uns klarzumachen, was der Frühling wirklich und eigentlich ist: ein präzise orchestriertes, sogenanntes neuroendokrines Programm, also ein Wechselspiel zwischen Nervenzellen und Hormonen. Nicht gerade romantisch, aber warum nicht?
In der Tat stehen – wie auch in der Poesie – die heller und länger werdenden Tage ganz am Anfang: In diesen ausgedehnteren Helligkeitsphasen wird mehr kurzwelliges blaues Licht an unsere Netzhaut gesendet. Die verfügt über ein besonderes Sensorium, nämlich lichtempfindliche Nervenzellen (Ganglienzellen), die wie kleine Helligkeitssensoren funktionieren und mithilfe eines speziellen Farbstoffs (Melanopsin) Licht direkt wahrnehmen und diesen Umstand sofort weitermelden:
Der suprachiasmatische Nukleus (SCN) ist ein Kerngebiet in unserem Hypothalamus, gelegen im Zwischenhirn. Hier befindet sich unser körpereigenes inneres Zentraluhrwerk, das alle angeschlossenen Körperuhren regelt: die für Stoffwechsel und Immunsystem, Körpertemperatur, für Schlaf oder hormonelle Prozesse.
Der helle Tag verändert auch die Melatoninausschüttung unseres Körpers. Melatonin steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus. Da das Hormon vorwiegend nachts in der Zirbeldrüse gebildet wird, hemmt Licht dessen Produktion. Unser Schlaf-Wach-Rhythmus wird umprogrammiert – wir werden eher wach und haben das Gefühl, etwas zu verpassen. Gleichzeitig kommen wir in den Genuss einer verstärkten Serotoninproduktion. Genauer gesagt: Unsere Glücks- und Motivationsbotenstoffe wie Serotonin und Dopamin werden aktiver, wir fühlen uns besser gelaunt, wacher und antriebslustiger. Das im Magen-Darm-Trakt fabrizierte körpereigene „Glückshormon“ beeinflusst auch unser Schmerzempfinden und unsere Emotionen; es wirkt stimmungsaufhellend und bestimmt unseren Appetit.
Ein wichtiger Teil der stimmungsaufhellenden Wirkung entsteht jedoch im Gehirn selbst und wird durch Licht mitgesteuert. Da auch bei der Serotoninbildung das Sonnenlicht mit im Spiel ist, könnte hier eine Schlüsselstelle unserer Frühlingsgefühle liegen. Im Tierreich wird man in dieser Zeit paarungswillig, nicht ohne Grund spricht man von Frühlingsgefühlen.
Im Hypothalamus warten auch spezielle Nervenzellen, die POMC- (Proopiolmelanocortin-)Neuronen, auf Lichtsignale, um mit deren Hilfe ein Hormon zu fabrizieren, das uns Antrieb gibt, mehr Energie spendiert und gleichzeitig unseren Appetit zügelt. Diese Zellen bilden mehrere Botenstoffe, darunter α-MSH (dämpft den Appetit) und β-Endorphin, ein körpereigenes „Wohlfühlmolekül“, das gute Stimmung, Stressabbau und eine leichte Euphorie fördern kann und uns zum Sonnenbaden verleitet. Die evolutionär angelegte Neigung zur Ansammlung von Fettreserven für die kalte und dunkle Jahreszeit wird saisonal zurückgefahren, und unser Körper kann Heißhungerattacken und Winterträgheit erst mal im Schrank lassen. Es beginnt die Aktion Sommerkörper.
Auch an andere Körpersysteme gehen in diesen Tagen die Hypothalamus-Nachrichten ab. Unter anderem an die Zona fasciculata, die Nebennierenrinde, den Produktionsstandort für das Steroidhormon Cortisol, das Wachheit und kognitive Fähigkeiten beflügelt, uns zur Stressbewältigung befähigt und unseren Schlaf stabiler macht. Dabei geht es weniger um „mehr Cortisol“, sondern um einen klareren Tagesrhythmus dieses Hormons mit einem stärkeren Morgenanstieg, der uns wach und leistungsfähig macht.










