Dr. Chatbot
KI statt Google: So checken Sie Ihre Symptome richtig
19.09.2026 – 08:46 UhrLesedauer: 5 Min.
Millionen Menschen googeln ihre Symptome – andere fragen längst die KI. Warum das praktisch ist, aber auch schiefgehen kann.
Haarausfall, Hautausschlag oder Herzstolpern: Macht unser Körper seltsame Sachen, machen wir uns schnell Sorgen. Ist Abwarten okay oder sollte zeitnah ein Arzt draufschauen?
Gar nicht so wenige Menschen reichen diese Fragen prompt an einen KI-Chatbot weiter. So zeigte eine Bitkom-Umfrage aus dem November 2025, dass 73 Prozent der Befragten Symptome und Gesundheitsfragen im Internet recherchieren. 45 Prozent davon nutzen dafür KI-Chatbots wie ChatGPT, Gemini, Copilot oder Claude.
Klar, eine Diagnose kann nur ein Arzt oder eine Ärztin stellen. KI-Chatbots können aber verschiedene Verdachtsdiagnosen auflisten und Orientierung geben bei der Frage, was zu tun ist. Wie stellt man das am besten an? Antworten auf 7 Fragen.
1. Wie gut sind die Diagnosen und Verhaltensempfehlungen von KI-Chatbots?
Dieser Frage ist jüngst die Zeitschrift „Stiftung Warentest“ nachgegangen (Ausgabe 8/2026). Das Test-Team wollte wissen: Wie gut erkennen fünf KI-Chatbots etwa einen Bandscheibenvorfall, eine Angina Pectoris oder eine Depression anhand der geschilderten Symptome? Was taugen ihre Verhaltensempfehlungen?
Dabei konnte ChatGPT das Test-Team am meisten überzeugen, es lag in allen fünf fiktiven Modellfällen richtig. Insgesamt gaben drei der fünf KI-Chatbots akzeptable Antworten, zwei schwächelten.
2. Welche Risiken gibt es, wenn ich den KI-Chatbot um eine Einordnung meiner Symptome bitte?
Nicht immer lässt sich mit dem Ergebnis, das der Chatbot ausspuckt, viel anfangen. Und manchmal verunsichert es sogar. „Dann sind da fünf Diagnosen aufgelistet, einiges klingt dramatisch – dabei ist es am Ende vielleicht gar nichts Schlimmes“, beschreibt der Wissenschaftler Marvin Kopka ein typisches Muster. Er forscht an der TU Berlin zu Digital Health und auch dazu, wie Menschen mit KI-Chatbots interagieren.
Zur Verunsicherung trägt oft auch bei, dass viele KI-Chatbots Aussagen tätigen wie: „Wenn zu dem Symptom noch Fieber oder Bewusstseinsstörungen dazukommen, gehe sofort in die Notaufnahme“. Auch wenn solche Komplikationen womöglich nur sehr selten vorkommen: So ein Satz kann Ängste füttern.
Ein Problem sieht Marvin Kopka auch darin, dass medizinische Laien die Ergebnisse, die der KI-Chatbot ausspuckt, oft nicht einordnen können. Plus: „Unsere Studien haben gezeigt: ChatGPT etwa empfiehlt fast immer, zum Arzt zu gehen – selbst bei harmlosen Sachen“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter. Das kann das Gesundheitssystem belasten.
Ein weiteres Risiko: ChatGPT, Gemini, Anthropic und Co. sind sogenannte Large Language Models (LLM). Sie haben kein Verständnis von Fakten, sondern basieren auf Wahrscheinlichkeiten. Heißt: Das, was sie ausgeben, muss nicht unbedingt stimmen. Falschinformationen können allerdings Gesundheitsschäden zur Folge haben, wenn man sie ungeprüft umsetzt.
Das zeigt ein Fall aus den USA, den Ärzte des Uniklinikums Seattle in einer Fachzeitschrift beschreiben. Ein Mann kam mit Wahnvorstellungen in die Notaufnahme. Die Ursache konnte sich das Personal vor Ort auch nach verschiedenen Tests nicht erklären.
Schließlich klärte sich auf: Der Mann hatte über die negativen Effekte von Kochsalz, also Natriumchlorid, auf die Gesundheit gelesen. Er hatte ChatGPT nach Alternativen dazu gefragt – allerdings ohne einzugrenzen, dass es um die Ernährung geht. Der Chatbot empfahl Natriumbromid. Der Mann besorgte sich die chemische Verbindung im Internet, würzte sein Essen damit und entwickelte eine Bromidvergiftung – mitsamt Wahnvorstellungen.