AfD verändert Relevanz von taktischem Wählen
Doch nachdem die AfD in die deutschen Parlamente eingezogen ist, hat sich die Bedeutung des taktischen Wählens noch einmal verändert. Speziell seitdem die Partei immer stärker geworden ist, fragen sich Wähler, wie man nun die Partei als stärkste Kraft oder in der absoluten Mehrheit verhindern kann. „Diese Fragen haben ob des Charakters der AfD als Partei durchaus eine neue Qualität“, betont Faas.
Zur Person
Thorsten Faas ist Professor für Politische Soziologie der Bundesrepublik Deutschland an der Freien Universität Berlin. Dabei forscht er insbesondere zu politischer Kommunikation und politischem Verhalten. So blickte er zuletzt insbesondere auf das Wahlverhalten in Deutschland.
Schon bei vergangenen Landtagswahlen in Ostdeutschland ging es taktischen Wählern vor allem darum, die AfD zu verhindern: 2024 gingen Michael Kretschmers CDU in Sachsen und Dietmar Woidkes SPD in Brandenburg auf den letzten Metern doch noch als Wahlsieger hervor, weil sie die lange führende AfD noch einholen konnten. In Sachsen-Anhalt war das Anfang September anders: Hier verteilten sich die Stimmen der taktischen Wähler auf mehrere Parteien.
Mecklenburg-Vorpommern: Schwesig setzt auf taktische Wähler
In Mecklenburg-Vorpommern könnte sich das Szenario aus Brandenburg und Sachsen wiederholen. Im Nordosten führte die AfD zeitweise mit 19 Prozentpunkten Vorsprung auf die regierende SPD, in der jüngsten Insa-Umfrage waren es noch zwei Prozentpunkte. Wenige Tage vor der Wahl besteht also die berechtigte Hoffnung in der SPD, die AfD doch noch abfangen zu können.
Erfolgsrezept war bis hierhin auch der Wahlkampf von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, der ganz auf ihre Person zugeschnitten ist und sie als Verhinderin der AfD als stärkste Kraft darstellt. So wurden im ganzen Land Plakate mit ihrer Person und der Aufschrift „Die Frau gegen Blau“ aufgestellt. Das scheint zu wirken.

Doch wie in anderen Fällen auch geht das zulasten der anderen Parteien. Die Grünen befinden sich seit Wochen bei rund fünf Prozent und befürchten, den Einzug ins Landesparlament von Mecklenburg-Vorpommern zu verpassen. Diese Sorge geht mittlerweile auch bei der CDU um. Sie rutschte innerhalb dieses Jahres von 13 auf sieben Prozent.
Grüne und CDU kritisieren Schwesigs Strategie
Während zahlreiche Wähler diese Taktik offenbar als legitimes Mittel ansehen, sind die Parteien wütend. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann sagte über Schwesig: „Ihr Versuch, mit einem personalisierten Wahlkampf die CDU kleinzuhalten, schwächt die politische Mitte und hilft am Ende der AfD.“ Das sei „verantwortungslos“. Spitzenkandidat Daniel Peters sprach im NDR von einer „ernsten Lage“.
