Russlands Wirtschaft scheint stabiler zu sein, als viele Prognosen verlauten. Doch der Preis des Krieges steigt – und mit ihm das Risiko unbequemer Schritte im Innern. Der Ökonom Janis Kluge schätzt die Lage ein.
Regelmäßig prophezeien westliche Ökonomen einen möglichen Kollaps der russischen Wirtschaft. Obwohl Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine schon länger führt, als der Erste Weltkrieg andauerte, ist ein Zusammenbruch nicht in Sicht: Der Kreml steckt gewaltige Summen ins Militär, hält die Rüstungsindustrie am Laufen und findet noch immer Männer für die Front.
Doch zugleich steigen die Kosten, die Reserven schwinden, die Rekrutierung wird schwieriger, und hinter den scheinbar stabilen Zahlen wachsen die Risiken. Wie lange kann Wladimir Putin diesen Krieg wirklich noch finanzieren? Ist Russland längst eine Kriegswirtschaft? Und könnte die Abhängigkeit von China für Moskau irgendwann gefährlich werden?
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Der Russland-Kenner und Ökonom Janis Kluge warnt im Gespräch mit t-online vor einfachen Antworten. Er sieht keine Anzeichen für einen baldigen Kollaps – aber eine Wirtschaft, die immer stärker unter Druck gerät.
t-online: Herr Kluge, der Kreml hat im ersten Quartal 2026 gut jeden zweiten Rubel in sein Militär gesteckt. Das sind enorme Ausgaben. Ist Russland eine Kriegswirtschaft?
Janis Kluge: Nein, das ist noch keine Kriegswirtschaft. Es stimmt zwar, dass die Militärausgaben gerade im ersten Quartal extrem hoch waren. Insgesamt sind es inzwischen über 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), mehr als doppelt so viel wie noch vor 2022. Aber es gibt auf der Welt einige Staaten, die ähnlich viel ausgeben. Zum Vergleich: Die israelischen Militärausgaben lagen im Jahr 2025 bei 7,8 Prozent des BIP. Da spricht kaum jemand von einer Kriegswirtschaft. Außerdem ist ein anderer Faktor für diese Einordnung entscheidender.

Zur Person
Janis Kluge ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler. Er ist stellvertretender Leiter der Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Seine Schwerpunkte sind Russland und China, insbesondere die russische Innenpolitik und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Zudem beschäftigt sich Kluge eingehend mit Wirtschaftssanktionen. Er promovierte an der Universität Witten/Herdecke.
Kriegswirtschaft bedeutet, dass der Staat direkt in die Verteilung von Ressourcen eingreift. Das heißt, dass etwa ein Autowerk angewiesen wird, Waffen herzustellen.
Und das ist in Russland nicht so?
Der russische Rüstungssektor ist zwar in den vergangenen Jahren stark expandiert, aber nicht durch massenhafte Umwidmungen von Produktionskapazitäten. Der Staat hat stattdessen Geld in die Rüstungsindustrie gepumpt, es wurde hier viel investiert. Deshalb: Die russische Wirtschaft ist militarisiert, aber eine Kriegswirtschaft ist sie noch nicht. Tatsächlich ist Russland aktuell eher noch im Wiederaufbau seiner eigenen Rüstungskapazitäten. Der Sektor hat immer noch Schwierigkeiten, die Mengen zu liefern, die das russische Militär eigentlich gern für diesen Krieg hätte.










