Nach Unfall in Bremerhaven
Experten erklären, warum die „Mein Schiff 3“ kollidierte
29.10.2026 – 05:30 UhrLesedauer: 3 Min.
Die „Mein Schiff 3“ kollidiert bei Sturm mit zwei Frachtern. Seefahrt-Experten erklären die Grenzen gegen Wind und warnen vor schnellen Schuldzuweisungen.
Die „Mein Schiff 3″ ist beim Auslaufen im Hafen von Bremerhaven mit zwei Containerschiffen kollidiert. Ermittler prüfen den Fall als Ordnungswidrigkeit und richten ihre Ermittlungen gegen den Kapitän. Seefahrt-Experten ordnen ein, warum Kreuzfahrtschiffe bei starkem Wind im Hafen schwer zu manövrieren sind. Aktuell darf die „Mein Schiff 3“ nicht auslaufen.
Der Seefahrtexperte Stefan Kruecken (Verlag Ankerherz) verwies gegenüber RTL auf die große Windangriffsfläche des Kreuzfahrtschiffs: „Die ‚Mein Schiff 3‘ ist knapp 300 Meter lang und hat 15 Decks. Die bietet natürlich dem Wind eine enorme Angriffsfläche.“ Sein Vergleich: „Es ist wie ein riesiges Segel aus Stahl.“ In einem Hafen könne sich das Problem schnell zuspitzen, weil der Raum begrenzt sei und Manöver sehr präzise funktionieren müssten.
In Bremerhaven gibt es keine Windfahrverbote
Ausbildungskapitän Mike Vosgerau, der auf der „Alexander von Humboldt II“ arbeitet, sagte, das Ablegen habe zunächst funktioniert: Das Schiff sei von der Pier weggekommen und habe Fahrt aufgenommen. Dann aber sei „kurz nach dem Ablegen offensichtlich eine sehr starke Bö eingefallen“, die weder mit der Schiffskraft noch mit Schleppern habe ausgeglichen werden können. Entscheidend sei zudem nicht nur die Größe, sondern auch die Form der Aufbauten; hohe Seitenwände reagierten besonders empfindlich auf Seitenwind. Vosgerau verwies gegenüber Radio Bremen außerdem auf die Nord-Süd-Ausrichtung der Pier, die bei starkem Westwind ungünstig wirken könne.
Zur Frage von Verantwortung und möglichen Fahrverboten betonte Bremerhavens Hafenkapitän Stephan Berger (Port Authority Bremen), es gebe in Bremerhaven keine Windfahrverbote; ob ein Auslaufen sicher sei, werde im Einzelfall entschieden. Gegenüber der „Bild“-Zeitung sagte er zudem, der Verkehr auf der Weser habe normal funktioniert und es habe keinen Anlass für eine Warnung gegeben. Berger stellte klar: „Die Verantwortung trägt immer der Kapitän, der Lotse ist lediglich Berater.“ Auch Vosgerau sprach sich nach Darstellung von butenunbinnen.de gegen übergeordnete Verbote aus und verwies darauf, dass Kapitäne und Lotsen die Lage vor Ort bewerten müssten.
Kruecken warnte sogar davor, den Kapitän vorschnell festzulegen: „Ich finde es immer schwierig, so erfahrenen Seeleuten von der Couch und aus der Ferne Ferndiagnosen um die Ohren zu hauen.“ Zugleich sei die Frage nachvollziehbar, warum bei Sturm ausgelaufen worden sei; er hielt es für möglich, dass Reedereien künftig vorsichtiger entscheiden. Als Wetterkontext wurden für Bremerhaven beim Ablegen rund 40 Kilometer pro Stunde (Windstärke 6) genannt, mit Sturmböen bis 95 Kilometer pro Stunde; am Leuchtturm „Alte Weser“ wurden sogar 119 Kilometer pro Stunde gemessen.
Nach Angaben der Wasserschutzpolizei wurde die „Mein Schiff 3“ am Sonntagnachmittag auf Höhe der Stromkaje von einer Böe erfasst und gegen zwei festgemachte Containerschiffe gedrückt. Alle drei Schiffe wurden beschädigt, verletzt wurde niemand; die Polizei schätzt den Schaden auf eine Millionensumme. Die Polizei ermittelt unter anderem gegen Kapitän Jan F. Schubert, der während der Kollision das Kommando auf der Brücke hatte.