Bei Arte
Dieser Western mit Gary Cooper stimmt nachdenklich
24.10.2026 – 13:19 UhrLesedauer: 3 Min.
Das alte Ich hinter sich lassen: In dem Western „Der Mann aus dem Westen“ spielt Regisseur Anthony Mann mit Sinnfragen, die im Genre selten waren.
Es gibt Dinge, die zu jedem klassischen Western gehören. Weite Panoramaaufnahmen, wilde Schusswechsel und mutige Sheriffs, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen. Für seinen letzten Western wählte Regisseur Anthony Mann im Jahr 1958 einen anderen Weg und wurde für seinen innovativen Gedanken vom US-Publikum gestraft.
Darum geht es in „Der Mann aus dem Westen“
Als engagierter Bürger bringt sich Link Jones (Gary Cooper) in das tägliche Dorfleben ein. Er wird respektiert, er hilft, wo er kann. Als er sich auf den Weg macht, eine neue Lehrerin für die Dorfschule zu finden, gerät er jedoch mit seinen Mitreisenden in einen Überfall. Der Kopf der Bande ist Links alter Bekannter Dock Tobin (Lee J. Cobin), der den mittlerweile gesetzestreuen Freund an dessen kriminelle Vergangenheit erinnert.
Widerwillig lässt sich Link auf einen letzten Deal ein. Ein weiterer Überfall soll den erhofften Geldsegen bringen, mit dem sich auch Dock zur Ruhe setzen will. Aber Docks Männer misstrauen Link. Zu Recht: Um sein neues Leben zu schützen, muss Link seine Vergangenheit überwinden und verfolgt dabei seinen eigenen Plan.
Wie sehenswert ist „Der Mann aus dem Westen“?
Der moralische Ansatz, den Anthony Mann mit „Der Mann aus dem Westen“ verfolgte, fiel beim amerikanischen Publikum durch. Wie das Filmmagazin „filmdienst.de“ schreibt, zeigte sich bereits bei der Filmpremiere nur verhaltener Applaus. Der offene Zwiespalt der Hauptfigur und die zerrissene Haltung missfielen den Zuschauern.
Es brauchte einige Jahre, bis die Kritik den modernen Ansatz für das klassische Genre erkannte. Mittlerweile vergibt die internationale Filmdatenbank „IMDb“ 7,0 von zehn Sternen und auch die Bewertungsplattform „Rotten Tomatoes“ spiegelt mehr Zustimmung wider, als es die Kritik im Jahr 1958 tat. Von der Presse erhält der Western 95 Prozent Zuspruch sowie von Publikumsseite 77 Prozent.
„Der Mann aus dem Westen“ läuft am Montag, 26. Oktober 2026, um 20.15 Uhr bei Arte. Alternativ ist der Film bei Amazon im Zusatzchannel MGM+ im Abo kostenfrei zu streamen.
Unterstützung von europäischem Nouvelle Vague-Regisseur
Die harsche Kritik, die vom amerikanischen Publikum ausging, blieb in Europa unverständlich. Ganz im Gegenteil: Von europäischen Regisseuren wurde der innovative Western als Meisterwerk gefeiert, wie das Online-Filmmagazin „film-rezensionen.de“ berichtet.
Besonders der französische Filmemacher Jean-Luc Godard, der als Mitbegründer der Nouvelle Vague gilt, unterstützte den Western. Anlässlich einer Wiederaufführung von Manns Ausnahmewestern zitiert das Filmfestival „Il Cinema Ritrovato“ Godards berühmte Kritik:
„Das Besondere an Anthony Mann ist, dass er es schafft, das Geschehen zu bereichern und gleichzeitig bis zum Äußersten zu vereinfachen. Als Gary Cooper das Haus verlässt, wird er in einer Halbtotalen gezeigt. Er durchquert fast das gesamte Bild, um den Blick auf die verlassene Stadt zu richten. Dann fängt eine seitliche Kamerafahrt Cooper neu ein, während er regungslos dasteht und auf die leere Stadt starrt.“
Weiter heißt es: „Der Geniestreich besteht darin, dass die Kamerafahrt erst beginnt, nachdem sich Gary Cooper bewegt, denn gerade diese zeitliche Verschiebung ermöglicht eine räumliche Parallele: Auf einen Schlag erleben wir sowohl das Geheimnis der verlassenen Stadt als auch Gary Coopers Unbehagen angesichts dieses Geheimnisses. Bei Anthony Mann umfasst jede Einstellung sowohl Analyse als auch Synthese oder, wie Luc Moullet bemerkte, sowohl das Instinktive als auch das Vorausgeplante.“