Nur 15 verkaufte Autos

Warum Nio in Deutschland den Anschluss zu verlieren droht


27.07.2026 – 17:03 UhrLesedauer: 3 Min.

Nio ET5: Der Business-Kombi sollte in Deutschland eigentlich Passat und Co. Konkurrenz machen. (Quelle: Nio/dpa-tmn)

Der Markt für Elektroautos wächst, auch viele chinesische Hersteller legen zu. Nio verliert hingegen immer mehr an Boden. Dabei waren die Hoffnungen groß.

Lange galt Nio als einer der aussichtsreichsten chinesischen Elektroautohersteller für Europa. Der Hersteller wollte sich mit einem besonderen Konzept vom Wettbewerb abheben: Statt auf ein klassisches Händlernetz setzte das Unternehmen auf exklusive Kundentreffpunkte, den Direktvertrieb und ein Netz von Batteriewechselstationen.

Damit wollte man direkte Konkurrenz zu etablierten deutschen Herstellern wie BMW, Mercedes-Benz und Audi in der Oberklasse sein. Doch während Nio und seine Submarken in China erfolgreich sind, findet die Strategie hier wenig Resonanz.

Während der deutsche Markt für Elektroautos wächst und chinesische Konkurrenten wie BYD, Xpeng oder Leapmotor ihre Verkäufe steigern, verliert Nio weiter an Boden. Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts wurden im ersten Halbjahr 2026 lediglich 15 Fahrzeuge der Marke neu zugelassen. Im gesamten Jahr 2025 waren es noch 325.

Dabei scheint die Produktsubstanz zu stimmen: In Tests schneiden die Fahrzeuge gut ab, auch der Fahrkomfort ist in Ordnung. Zudem sind Autos von Nio deutlich besser vernetzt als die deutsche Konkurrenz.

Umstrukturierungen und Standortschließungen

Die Folge aus den mauen Zahlen: Nio baut seine Deutschlandorganisation um. Nachdem Deutschland-Chef David Sultzer das Unternehmen bereits im Februar verlassen hatte, geht Ende Juli auch Christian Wiegand, zuletzt einer der ranghöchsten Manager von Nio Deutschland. Einen direkten Nachfolger gibt es nach Informationen der „Automobilwoche“ nicht. Das Deutschlandgeschäft wird vorerst von der Europazentrale in Amsterdam geführt.

Nio House in Berlin: Hier sollen Kunden in Kontakt mit der Marke kommen. (Quelle: IMAGO/Stefan Zeitz)

Auch das Standortnetz schrumpft. Im Juli schloss die Marke das Nio House am Hamburger Jungfernstieg, einen Showroom mit Café, Veranstaltungsflächen und Arbeitsbereichen, der als Treffpunkt für Kunden und Interessenten gedacht war. Für die Schließung des Hamburger Standorts nannte Nio neben der laufenden Neuaufstellung des Europageschäfts auch die Baustelle am Jungfernstieg. Die jahrelangen Bauarbeiten beeinträchtigten Erreichbarkeit, Sicherheit und das angestrebte Premium-Erlebnis, erklärte das Unternehmen „Elektroauto News“.

Kurz darauf folgte das Aus für den Nio Hub in Weiterstadt bei Darmstadt, ein Auslieferungs- und Servicezentrum für die Rhein-Main-Region.

Das Problem ist größer als schwache Verkaufszahlen

Die aktuellen Entwicklungen sind allerdings nur die sichtbaren Folgen einer Strategie, die nach Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ in Deutschland von Anfang an nur begrenzt funktionierte.

Während andere chinesische Hersteller auf etablierte Händler setzen oder entsprechende Netze aufbauen, wollte Nio seine Fahrzeuge direkt verkaufen. Die Nio Houses sollten dabei das Herzstück der Marke sein. Sie sollten eine Community schaffen. Kunden konnten dort Veranstaltungen besuchen, arbeiten oder sich austauschen. In China ist dieses Konzept erfolgreich. Nach Unternehmensangaben entsteht dort ein großer Teil der Verkäufe durch Empfehlungen bestehender Kunden. Hierzulande spielt dies keine Rolle. Gleichzeitig blieb das Händlernetz klein, klassische Werbung setzte Nio nur begrenzt ein.

BYD hingegen baute sein Händlernetz in Deutschland in den vergangenen Jahren konsequent aus. XPeng arbeitet ebenfalls mit etablierten Handelspartnern zusammen, Leapmotor profitiert von seinem Vertriebsnetz über Stellantis.

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