Der KI-Boom feiert Chipkonzerne, doch bei großer Unternehmenssoftware kippt die Stimmung. Microsoft und SAP geraten unter Druck.
Während Chiphersteller als Schaufelverkäufer des KI-Goldrauschs gefeiert werden, senden Software-as-a-Service-Aktien (SaaS) seit Monaten ein deutliches SOS. Microsoft, SAP, Oracle, Salesforce und Adobe notieren seit Jahresbeginn durchweg im Minus, teils zweistellig. Im Schnitt liegen sie rund 15 Prozent unter der für technische Analysten wichtigen 200-Tage-Linie, vom Zwei-Jahres-Hoch haben sie im Mittel fast 40 Prozent eingebüßt. Die Botschaft der Börse scheint klar: KI frisst Enterprise-Software zum Frühstück.
Der Kern der Verunsicherung ist schnell erklärt. Neue KI-Agenten wie Claude ermöglichen es kleinen Teams, komplexe Anwendungen selbst zu bauen oder Standardsoftware durch maßgeschneiderte Workflows zu ersetzen. Die alte SaaS-Gleichung – mehr Mitarbeiter gleich mehr Lizenzen gleich mehr Umsatz – gerät ins Wanken. Wenn KI Aufgaben übernimmt, für die früher mehrere Angestellte nötig waren, schrumpft dann nicht automatisch der Lizenzbedarf?
Mit jedem neuen KI-Release wächst diese Sorge. Die Kurse reagieren prompt, denn die vermeintlich sicheren, planbaren Abo-Erlöse waren lange der Hauptgrund für hohe Bewertungen. Doch genau hier lohnt der zweite Blick: Die aktuellen Bewertungsniveaus sind eher eine Überreaktion als Ausdruck eines Urteils über die Zukunft. „Salesforce kommt auf ein KGV von rund 17, Microsoft und Oracle liegen bei knapp 25, SAP in einem ähnlichen Bereich“, wertet Thomas Soltau aus der Datenbank des Smartbroker aus. Das sind keine euphorischen Wachstumsprämien mehr, sondern Bewertungen, wie man sie von soliden Blue Chips kennt.
Analystenhäuser wie Evercore nennen Microsoft, Salesforce und Oracle sogar explizit als Software-Favoriten für 2026. Angst ist also reichlich eingepreist. Dies sieht man auch an den Abschlägen bei „Private Credit“-Kreditgebern. Der Zertifikateanbieter Vontobel rechnet dazu in einer Analyse vor, dass „ein beträchtlicher Anteil der vergebenen Kredite in Softwareunternehmen floss, deren wiederkehrende Umsatzmodelle als besonders kreditwürdig galten. Laut PitchBook entfallen rund 17 Prozent aller Investitionen auf die Softwarebranche“, so Vontobel.
Hinzu kommt aber ein oft unterschätzter Faktor: Unternehmenssoftware ist nichts, was man einfach schnell installiert und sofort nutzen kann – sie ist komplex und fest in den Abläufen eines Unternehmens eingebunden. Sie steckt tief in Prozessen, Schnittstellen und Compliance-Regeln. Ein Wechsel bedeutet nicht nur neue Lizenzkosten, sondern Datenmigration, Prozessneudesign, Schulungen und Governance-Aufwand. Kurz: echte Kosten, echte Risiken. Was in einer KI-Demo leicht aussieht, entpuppt sich im Alltag schnell als Mammutprojekt.











