Erst in der Schlussviertelstunde kippt die Partie zurück. Rangnick bringt Michael Gregoritsch, der Freiburger Stürmer bringt zusätzliche Präsenz im Strafraum. In der 77. Minute fällt der Ausgleich. Kein schön herausgespielter Glanzmoment, sondern ein Tor aus Druck, Geduld und Beharrlichkeit. Eins, das mit der Brechstange erzwungen wurde. Dieses 1:1 reicht: Österreich gewinnt die Gruppe H vor Bosnien-Herzegowina und qualifiziert sich erstmals seit 28 Jahren wieder für eine WM.
Rangnick und sein Team werden Lehren aus diesem Kraftakt ziehen müssen. Wenn der Zugriff funktioniert, kann diese Auswahl Gegner konstant stressen. Wenn ein Gegner tief bleibt und die erste Pressingwelle neutralisiert, braucht Österreich Geduld, Standards, zweite Bälle – und Spieler wie Gregoritsch, die nicht viel Platz und wenig Zeit brauchen, um ein enges Spiel entscheiden zu können.
Das sind Österreichs wichtigste Spieler
- Marcel Sabitzer (Borussia Dortmund, Marktwert ca. 6 Millionen Euro): Beim BVB ist er nicht immer gesetzt, im Nationalteam schon. Sabitzer übernimmt Verantwortung im Mittelfeld, schiebt aus dem offensiven Halbraum nach, attackiert zweite Bälle und sucht früh den Abschluss – oft aus 18 bis 22 Metern. Seine Schwäche: Unter hohem Gegnerdruck neigt er zu unpräzisen ersten Kontakten. Gegen Jordanien unauffällig, auch wenn seine Ecke zum Ausgleich führte. Gegen Argentinien macht er sein 100. Länderspiel.
- Konrad Laimer (FC Bayern München, ca. 32 Millionen Euro): Laimer ist der Motor der Österreicher, spielt allerdings eine andere Position als bei den Bayern. Für sein Heimatland beackert er nicht die Außenbahn, sondern gibt einen klaren Sechser. Er läuft Räume zu, wirft sich giftig in jeden Zweikampf und ist emotionaler Anführer. Seine starke Saison in München hat ihn noch selbstbewusster gemacht. Allerdings scheint er auf der Außenbahn besser aufgehoben zu sein, glauben viele Experten in Österreich.
- Philipp Lienhart (SC Freiburg, Marktwert ca. 10 Mio. Euro): Der Innenverteidiger spielt seit 2017 in Freiburg, ist seit Jahren Stammspieler in der Bundesliga und im ÖFB-Team. Der 29-Jährige ist Rangnicks verlässlichster Innenverteidiger: kopfballstark, stellungssicher, ruhig am Ball, erfahren in europäischen Spielen — Freiburg stand in dieser Saison im Europa-League-Finale. Schwäche: Lienhart hatte in der Saison 2025/26 regelmäßig muskuläre Probleme (Bauchmuskel, Leistenprobleme, Krämpfe im EL-Rückspiel gegen Celta Vigo) — seine Fitness ist ein Fragezeichen. Gegen Jordanien reichte es für 90 solide Minuten.
- David Alaba (Real Madrid, ca. 3 Millionen Euro): Bei Real ist Defensivallrounder Alaba längst nicht mehr erste Wahl, für Österreich dagegen als Anführer auf dem Platz und daneben umso wichtiger. Er fordert den Ball auch unter Druck, löst enge Situationen souverän auf und verlagert das Spiel schnell auf die Außen. Erfahren, ausgebufft, trägt das Bayern-Sieger-Gen noch in sich. Problematisch wird es, wenn er tiefe Räume verteidigen muss. Alaba steht im Spätherbst seiner Karriere, war oft und lange verletzt und ist nicht mehr so schnell wie früher. Das zeigte sich auch gegen den Außenseiter zum Gruppenauftakt.
- Marko Arnautović (Roter Stern Belgrad, ca. 2 Millionen Euro):
Schlitzohr, Heißsporn, Knipser. Der bullige Neuner kann Bälle halten, prallen lassen oder verteilen – oft mit dem ersten Kontakt. Extrem torgefährlich, guter Elfmeterschütze. Aber: Man muss ihn sich leisten können. Arnautović läuft eher ein paar Meter weniger als seine Mitspieler. Auch deshalb kam er gegen Jordanien von der Bank, war darüber nach eigener Aussage zwar „sauer und beleidigt“, aber nach seiner Einwechslung sofort gefährlicher als Kalajdzic, der für ihn rausmusste. Muss er deshalb gegen Argentinien in die Stammformation? Der Routinier hat Österreich mit seinem Auftritt damit dieselbe Debatte beschert, die in Deutschland um Deniz Undav geführt wird.
Das ist der Trainer
Ralf Rangnick hat sich zum Ziel gesetzt, der ÖFB-Auswahl eine „österreichische DNA“ zu verordnen. Was schmissig klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als der typische Rangnick-Fußball, der den Trainer auch in der Deutschen Bundesliga so erfolgreich gemacht hat. Pressing, Ballgewinne, Umschalten.
Sein Einfluss als Psychologe zeigte sich in der Qualifikation, besonders nach dem 2:1 in Bosnien-Herzegowina. Österreich hatte vier Spiele in Folge gewonnen, die WM rückte näher. Rangnick bremste trotzdem jede aufkommende Euphorie: „Bis jetzt gibt es überhaupt keinen Grund, auf irgendetwas stolz zu sein“, sagte er. „Es ist erst die Hälfte gespielt.“
Das passt zu ihm. Rangnick denkt in Prozessen. Nach außen wirkt er nüchtern, fast spröde. An der Seitenlinie ist er dagegen permanent in Bewegung: korrigieren, nachschieben lassen, Abstände einfordern. Ein Fußballlehrer. Beim Qualifikationsspiel in Zenica produzierte er das Bild des Abends, als Rangnick, aufgrund einer Fußoperation gehandicapt, mit einem E-Bike durch das Stadion fuhr, um rechtzeitig von der Kabine zur Trainerbank zu kommen.
Die Spieler folgen ihm, weil seine Idee klar ist. Rangnicks Österreich will Gefahrenmomente in Phasen erzwingen, in denen der Gegner unsauber spielt. Die richtigen Spieler dafür hat er eigentlich.
Spielsystem und Taktik
Österreich spielt das, was Rangnicks Vorstellung von modernem Fußball ist. Der erste Gedanke nach Ballgewinn lautet immer: nach vorn. Nicht über fünf Sicherheitsstationen, sondern über den ersten freien Pass in den Halbraum, auf den einrückenden Zehner oder direkt auf den Stürmer.











