Die Deutschen haben die US-Kultur zu ihrer eigenen gemacht
Gleichzeitig kämpften westdeutsche Bildungsbürger noch lange gegen angeblich jugendgefährdende Tanzstile und gewaltverherrlichende Comics. „Amerika, das Land ohne Kultur – das war damals immer noch ein viel gehörter Vorwurf“ erläutert Depkat. „Rock“n“Roll und Mickey Mouse statt Goethe und Schiller. Es war dann Teil der Liberalisierung der Bundesrepublik, dass sich eine wachsende Zahl von Deutschen im Westen verankerte und die amerikanische Popkultur zu ihrer eigenen machte.“
Vieles, was aus den USA komme, werde deshalb heute gar nicht mehr so sehr als amerikanisch, sondern allgemein als westlich und der eigenen Kultur zugehörig wahrgenommen. „So erklärt sich zum Teil, warum ich Trump radikal ablehnen, aber mich gleichzeitig für Filme aus Hollywood begeistern kann.“
In der DDR war Amerika unterdessen der imperialistische Klassenfeind – auch wenn viele davon träumten, nach ihrer Verrentung mit eigenen Augen die Rocky Mountains und den Wolkenkratzerwald von Manhattan zu sehen. Unter ihnen war die junge Angela Merkel.
Mit John F. Kennedy und seinem „Ich bin ein Berliner“ erreichte die Amerika-Begeisterung ihren Höhepunkt. Die schwarze Limousine mit dem zusammengesackten Körper des Präsidenten, Jackie Kennedy im Blut bespritzten rosa Kostüm und der kleine John Junior beim Salutieren auf dem Nationalfriedhof Arlington – das sind Bilder, die auch heute noch Millionen ältere Deutsche für immer abgespeichert haben. Kurz darauf fiel dann der Schatten von Vietnam auf das strahlende Bild, in den 70er Jahren gefolgt vom Watergate-Skandal.
Deutsche Verklärung kann schnell in Ablehnung umschlagen
Seitdem schwankte die deutsche Sicht auf Amerika stets zwischen Bewunderung und Ablehnung und das oft sehr stark. Unter dem konservativen republikanischen Präsidenten George W. Bush etwa kam es zu einer deutlichen Abkühlung. Aber dann zog der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama binnen kürzester Zeit so große Sympathien auf sich, dass ihn im Sommer 2008, noch vor seiner Wahl, mehr als 200.000 Menschen an der Berliner Siegessäule feierten.
In Obama habe sich das deutsche Idealbild von Amerika scheinbar erneuert, meint Depkat. „Die Deutschen haben immer eigene Hoffnungen von Freiheit und Demokratie auf die USA projiziert, die nur selten etwas mit den Realitäten dort zu tun hatten. Amerika-Kritik ist in diesem Zusammenhang oft enttäuschte Liebe: Warum ist Amerika nicht so, wie wir es gerne hätten?“ Es sei zum Teil auch die Enttäuschung des demokratischen Musterschülers, der plötzlich erkenne, dass sein bewunderter Lehrer auch Schwächen habe. „Dann schlägt Verklärung schnell in Ablehnung um. Beides hat etwas Maßloses.“










