Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat jüngst eine Präventionsstrategie angekündigt. Warum reicht Ihnen die nicht aus?
Eine Präventionsstrategie ist wichtig, greift aber oft zu kurz. Sie richtet sich vor allem an klassische Akteure wie Krankenkassen oder den öffentlichen Gesundheitsdienst. Das ist richtig, aber nicht ausreichend. Wir müssen die Rahmenbedingungen verändern: kostenfreies, gesundes Schulessen, verlässlicher Sportunterricht, bessere Alltagsbedingungen für gesunde Entscheidungen. Prävention darf nicht nur im Gesundheitswesen stattfinden, sondern muss den Alltag der Menschen erreichen.
Lässt sich beziffern, wie viel das Gesundheitssystem durch mehr Prävention sparen könnte?
Konkrete Berechnungen haben wir nicht angestellt, aber klar ist: Jede vermiedene Erkrankung entlastet das System. Vor allem gewinnen Menschen gesunde Lebensjahre. Wir stehen vor einer erheblichen Herausforderung: In Deutschland leben aktuell rund 8,9 Millionen Menschen mit Diabetes Typ 2. Prognosen gehen davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren etwa zwei Millionen hinzukommen könnten. Da müssen wir dringend die Abbiegespur finden. Was mir darüber hinaus besonders Sorgen bereitet, ist die Generation der Babyboomer.
Diese Generation, zu der ich auch gehöre, erreicht bald ein Alter, in dem chronische Erkrankungen zunehmen. Noch sind unsere ganzen Befindlichkeiten im Gesundheitssystem gar nicht angekommen. Darum ist es so wichtig, möglichst schnell mit der Prävention zu beginnen, um diese Krankheitslast zumindest erst mal aufzuhalten. Und das lässt sich dann monetär auch messen. Studien zeigen: Jeder in Prävention investierte Euro bringt mindestens vier Euro zurück. Wenn wir es schaffen, die Zahl der Krankheitstage durch eine bessere Grundgesundheit zu senken, hätte das einen echten Effekt aufs Bruttoinlandsprodukt.
Die Krankenkassen bieten selbst viele Präventionskurse an. Eine Studie Ihrer Kasse zeigt jedoch: Kaum einer nutzt sie. Haben die Menschen überhaupt Lust auf Prävention?
Die Nutzung ist tatsächlich zu gering: Nur zehn Prozent der Versicherten nehmen an klassischen Präventionskursen teil – das ist wirklich niederschmetternd. Ein Problem ist sicherlich die Zugänglichkeit. Angebote sind oftmals schwer auffindbar oder passen nicht zum Alltag. Zudem fehlt es an Anreizen. Prävention sollte stärker belohnt werden – und zwar unmittelbar.
Schlägt sich die Zurückhaltung auch auf Vorsorgeuntersuchungen nieder?
Ja, auch bei Vorsorgeuntersuchungen sehen wir Nachholbedarf. Seit der Corona-Pandemie werden viele Angebote wesentlich seltener genutzt. Wir haben mal in unseren Bestand geschaut: 30 Prozent der Frauen waren die vergangenen fünf Jahre nicht bei der Krebsvorsorge. Hier könnten Einladungsverfahren und einfache Terminvergabe helfen. Ein Beispiel ist das Mammografie-Screening, bei dem feste Termine die Teilnahmequote deutlich erhöhen.










