Millionenfach angesehen
Täuschend echt: Rentner-Video schürt Wut auf Merz
03.11.2025 – 15:10 UhrLesedauer: 5 Min.
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Die Rentenpolitik steht bei vielen in der Kritik. Im Netz kursiert ein Video dazu, das seit Wochen Millionen Menschen wütend macht. Doch dabei handelt es sich um eine Manipulation.
Ein TV-Auftritt lag schon neun Jahre zurück, als er Herrmann Wieters einholte. Am 7. Juli rief ein Bekannter von Wieters an und sagte, dass er dem Merz ja ganz schön Kontra gegeben habe. „Ich war überrascht und dann erschrocken“, sagt Wieters. Seither wird er immer wieder angesprochen auf Videos mit Titeln wie „Rentner gegen Merz“ oder „Rentner stopft Merz das arrogante Maul“, in denen er mit Kanzler Friedrich Merz zu sehen ist.
Der 69-jährige Wieters, Grünen-Mitglied und streitbarer Gemeinderat in der Samtgemeinde Hambergen in Niedersachsen, spielt unfreiwillig eine tragende Rolle bei einem beispiellosen Versuch, mit einer Fälschung Stimmung gegen den Bundeskanzler zu machen. Das Video wurde millionenfach angeschaut, zahllos in WhatsApp-Gruppen mit Freunden, Kollegen oder Familienangehörigen geteilt. Es trifft einen Nerv, weil der Rentner sich darüber ärgert, dass Politiker nicht in die gesetzliche Rente einzahlen – und Merz dazu vermeintlich verächtlich lacht. Merz ist unbeliebt, Merz gilt als arrogant – da erfüllt die Szene alle Vorurteile.
Die reichweitenstärkste Fassung des Videos wurde laut YouTube seit dem 9. August 7,2 Millionen Mal angesehen. Unter den Kommentaren ist „Dieses arrogante Getue von dem Merz ist zum Kotzen“ mit 9.000 Likes am erfolgreichsten, gefolgt von „Da sitzt die Arroganz pur …“ (mehr als 6.000) und „Wie der Merz schaut, sagt alles, der nimmt den Herr [sic] gar nicht ernst“ (mehr als 4.000).
Doch Wieters und Merz sind noch nie aufeinandergetroffen. Die Szenen, die den Rentner so engagiert zeigen, sind zwar echt. Sie entstanden, als er im Juni 2016 beim WDR zu Gast in der Sendung „Ihre Meinung“ war. Der Rentner redete dort über kleine Renten, Altersarmut und einen nötigen Systemwechsel. „Das würde ich auch heute jederzeit wieder so sagen, dazu stehe ich“, sagt Wieters t-online. Zu Gast war allerdings der damalige Vorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiak, der dort neben dem Namensgeber der Riester-Rente saß, Walter Riester.
Aber nicht Friedrich Merz. Die Bilder, die ihn mit einem Grinsen zeigen, sind ebenfalls echt. Sie stammen allerdings aus der Talkshow „3nach9“ von Radio Bremen, in der Merz im Juni 2024 neben dem Designer Guido Kretschmer, dem damaligen „Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber und einem früheren Leuchtturmwärter zu Gast war. Die Sendung war nicht bierernst, Merz musste mehrfach schmunzeln.
Beide Szenen wurden so zusammengeschnitten, dass es wirkt, als wären Wieters und Merz im Gespräch. Es ist ein Lehrbeispiel, wie Menschen emotional manipuliert werden können – in diesem Fall ganz ohne Künstliche Intelligenz und am Computer generierten Inhalten.











