Welche Folgen hat das für die kindliche Entwicklung?
Wer Übergewicht hat, bewegt sich in der Regel weniger. „Wenn ein Kind sich regelmäßig nicht ausreichend bewegt, dann wird dadurch auch die Entwicklung gestört“, erläutert Jochum. Die motorische und die neurologische Entwicklung werde weniger angeregt, auch die intellektuelle und die psychische Entwicklung könne leiden. „Das hat Auswirkungen auf das gesamte zukünftige Leben.“
Kinder, die sich weniger bewegen, verbringen ihm zufolge mehr Zeit am Computer und Smartphone, was wiederum negative Folgen hat. „Sie vereinzeln vielleicht, haben einen höheren Hang zu Depressionen.“
Snacks und Fertiggerichte führten außerdem zu einem anderen Miteinander zu Hause, sagt er. „Die Zeiten, in denen in Familien wirklich gekocht und gemeinsam gegessen wird, werden seltener.“ Zudem seien die Mahlzeiten so beschaffen, dass man diese mühelos neben dem Computerspielen oder Fernsehgucken essen könne.
Kann sich die Ernährung auf die psychische Gesundheit auswirken?
Eine kanadische Studie sieht jedenfalls Hinweise darauf, dass der Verzehr von stark verarbeiteten Lebensmitteln in der frühen Kindheit die Verhaltens- und emotionale Entwicklung negativ beeinflussen kann. Dafür untersuchte das Forschungsteam die Ernährungsgewohnheiten von fast 2.100 Kindern im Alter von drei Jahren und deren Verhalten im Alter von fünf Jahren.
Dabei zeigte sich, dass kleine Kinder, die mehr stark verarbeitete Lebensmittel aßen, später vermehrt Verhaltensauffälligkeiten zeigten. Die Fachleute folgern daraus, dass eine gesündere Ernährung sich langfristig vorteilhaft auf die psychische Gesundheit auswirken könnte.
„Gesundes Essen ist immer gut“, sagt Christine M. Freitag, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Frankfurter Universitätsklinikum. „Aber eine psychische Störung kann man nicht allein durch gesundes Essen verhindern. Da gibt es zahlreiche weitere Risikofaktoren.“ Kritisch sieht sie, dass die Studie nicht untersucht hat, ob bei den Kindern auch genetische Faktoren eine Rolle gespielt haben könnten oder ob die Eltern selbst an psychischen Störungen litten.
Wie Freitag erläutert, sei nämlich etwa bei Eltern mit ADHS die Wahrscheinlichkeit höher, dass der Alltag zu Hause unstrukturierter und weniger geplant ablaufe, wodurch mehr Fertiggerichte auf den Tisch kommen könnten. Zugleich hätten die Kinder selbst ein höheres ADHS-Risiko. „Betroffene Kinder essen oft schlechter.“ Auch Eltern mit Depressionen hätten Probleme, den Alltag zu bewältigen und ihren Kindern ausgewogene Mahlzeiten zuzubereiten.
Wie eindeutig ist die Forschungslage?
Dass stark verarbeitete Lebensmittel, die viel Salz, Zucker, Fette und Zusatzstoffe enthalten, ungesund sind, darin sind sich viele Fachleute einig. Doch welche Krankheiten diese genau begünstigen können, ist noch unklar. „Tatsächlich weiß man leider noch gar nicht so viel über die Mechanismen“, sagt Graf.
