Dabei hätte ich doch beschreiben können, wie sehr mich der Gedanke schaudern lässt, dass meinen Töchtern, meiner Frau oder meiner Mutter etwas Ähnliches widerfahren könnte. Dass ich mir als Vater, Ehemann oder Sohn nicht ausmalen will, was ich jemandem antun könnte, der meinen Liebsten so wehtut?

Und zuletzt und am peinlichsten: Ich hatte das Gefühl, ich hätte es gar nicht nötig, mich von Männern zu distanzieren, die Frauen so etwas antun. Was habe ich denn mit denen zu tun? Oder mit dem, was sie tun? Nur, weil sie Männer sind und ich auch? Und überhaupt, es gilt ja die Unschuldsvermutung! Für Ulmen – das sollte an dieser Stelle nicht vergessen werden – aber für mich und alle anderen „anständigen Kerle“ erst recht, oder? Oder haben wir jetzt Sippenhaft?

Dabei wäre es doch gut gewesen, sich mitgemeint zu fühlen, ohne wehleidig zu werden. Denn mitgemeint sind wir. Natürlich habe auch ich in meinem Leben Dinge gesagt, Witze gemacht, Gedanken gehabt, Blicke ausgesandt, Druck ausgeübt und Signale gesetzt, die zu einem bestimmten gesellschaftlichen Klima beigetragen haben können. Ein Klima, in dem viele Frauen täglich Dinge ertragen müssen, die den meisten Männern vollkommen bizarr vorkommen und die sie niemals hinnehmen würden.

Dafür schäme ich mich, ohne freilich garantieren zu können, dass es nie wieder vorkommt. Die Scham hat die Seiten gewechselt, aber sie lässt uns Männer allzu leicht verstummen. Wer schämt sich schon gerne laut? Dabei schulden wir Männer es den Frauen, über uns selbst nachzudenken. Unsere Rolle, unsere Selbstsicht. Und daraus Konsequenzen zu ziehen. Wir schulden es den Frauen, die wir lieben. Die gut zu uns waren und sind. Aber auch allen anderen Frauen. Als „anständige Kerle“ müssen wir den Mund aufmachen, wenn Frauen sexualisierte Gewalt erfahren – im privaten wie im öffentlichen Raum. Das schulden wir letztlich auch uns selbst.

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