Wie sich das Berufsbild wandelt

Es sind herausfordernde Zeiten für Anwälte. In wenigen Wochen tritt die „große Reform“ des anwaltlichen Berufsrechts (BRAO) in Kraft. Die wichtigsten Änderungen betreffen Zusammenschlüsse mit anderen freien Berufen wie Ingenieuren, Ärzten oder Apothekern. Erstmals besteht für diese Einheiten dann die Möglichkeit, Rechtsformen wie etwa die GmbH & Co. KG zu wählen. Doch es sind nicht nur diese Themen, die auf dem diesjährigen Deutschen Anwaltstag – von Donnerstag an erstmals seit 2019 wieder in Präsenz –, die Diskussionen bestimmen werden. Nachwuchskrise und Kostendruck beschäftigen nahezu alle Sozietäten, von der kleinen Bürogemeinschaft bis zur internationalen Großkanzlei.

Die jüngsten Statistiken zeigen, dass das klassische Berufsbild einen Wandel durchmacht: Die Anwaltschaft schrumpft, sie ist weiblicher und orientiert sich häufiger als frühere Generationen von Juristen für eine Karriere fernab von Gerichtssaal und Kanzlei. Zudem wächst der Anteil der in Unternehmen tätigen Syndikusrechtsanwälte, knapp acht Jahre nach dem wegweisenden rentenversicherungsrechtlichen Urteil des Bundessozialgerichts, weiter stetig an.

Laut ihrer Mitgliederstatistik zum Jahresbeginn 2022 verzeichnet die Bundesrechtsanwaltskammer mit 165.587 zugelassenen Anwälten gering­fügig weniger als noch 2021. Die Zahl der Anwältinnen stieg auf 60 057, was einem Anteil von mehr als 36 Prozent entspricht. Zieht man allerdings von der Gesamtzahl die Unternehmensjuristen und Syndikusrechtsanwälte mit einer Doppelzulassung ab, bleiben im Ergebnis 142.822 Anwälte mit Einzelzulassung – was binnen eines Jahres einen Rückgang von mehr als 1900 Berufsträgern darstellt.

Attraktive Einstiegsgehälter

Zu einem deutlich ernüchternden Ergebnis kommt das Soldan Institut. Die Forscher der Universität Köln, die den Berufsstand mit Langzeitstudien untersuchen, sprechen von einem Schrumpfungsprozess. Nach ihren Angaben ist die Zahl der in ganz Deutschland niedergelassenen Anwälte seit 2017 von 154.700 auf 142.822 zurückgegangen. Der Rückgang von rund 7,7 Prozent stellt in der Langfristperspektive keine Stagnation, sondern einen klaren Schwund dar.

In dem aktuellen Berufsrechtsbarometer 2021, für das 2770 Anwälte befragt wurden, gehen die Forscher den möglichen Ursachen nach. Laut Soldan Institut bestätigte die Mehrheit der Umfrageteilnehmer, dass es immer schwerer wird, Nachwuchs zu gewinnen. Zeitgleich scheiden immer mehr Anwälte aus den geburtsstarken Jahrgängen altersbedingt aus. Einen Rückgang, den die jungen Volljuristen auf dem Anwaltsmarkt nicht mehr ausgleichen können. Ihre Zahl sinkt kontinuierlich seit Jahren. Hingegen erfreuen sich Studiengänge mit einer wirtschaftsrechtlichen Ausrichtung einer wachsenden Beliebtheit. „Ein Mosaikstein der Nachwuchskrise ist, dass sich immer mehr Schulabgänger gegen das traditionelle Jurastudium und für juristische Bachelor- und Masterstudiengänge entscheiden. Die Gründe hierfür sollten dringend untersucht werden“, erklärte Matthias Kilian, Direktor des Soldan Instituts, schon im Jahr 2021.

Dem Soldan Institut zufolge nehmen mittlerweile 20 Prozent aller Jurastudium-Anfänger ein Studium im Fach Wirtschaftsrecht und nicht im Fach Rechtswissenschaft auf. Diese auf Bachelor- und Masterabschlüsse ausgerichteten Studiengänge ermöglichen jedoch nicht den Zugang zum Referendariat und ebnen nicht den Weg in den späteren Anwaltsberuf. Dennoch hat sich das Einsatzgebiet für Wirtschaftsjuristen in Kanzleien und der Industrie, insbesondere im Projektmanagement und bei Massenverfahren, erheblich ausgeweitet. Hinzu kommt: Dort werden attraktive Einstiegsgehälter gezahlt. Insbesondere in kleineren Kanzleien verdienen junge Volljuristen zum Teil deutlich weniger.

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