Der „Seemann der Nation“
Wie ein Hamburger Reporter Freddy Quinn erfand
13.02.2026 – 12:04 UhrLesedauer: 2 Min.
Es ist eine der größten Flunkereien der deutschen Fernsehgeschichte – und sie nahm ihren Anfang in einer vernebelten Bar auf St. Pauli. Die „Operation Seemann“.
Anfang der 50er-Jahre war Hamburg-St. Pauli ein Ort für Gestrandete und Träumer. In der legendären Washington Bar an der Bernhard-Nocht-Straße schlug sich ein junger Österreicher namens Manfred Nidl die Nächte um die Ohren. Doch wer glaubt, er hätte dort Shantys geschmettert, irrt gewaltig: Nidl sang Hillbilly-Songs und US-Folklore. Er war ein Cowboy der Reeperbahn, kein Matrose.
Doch am Tresen saß ein Mann, der das Fernsehen der Nachkriegszeit wie kein Zweiter prägen sollte: Jürgen Roland. Der junge Reporter des damaligen NWDR (heute NDR) suchte für das neue Medium keine perfekten Opernsänger, sondern „Typen“. Roland erkannte das Potenzial des Baritons sofort – und er wusste, dass man dem deutschen Publikum nach dem Krieg eine neue, sehnsuchtsvolle Identität verkaufen musste.
Jürgen Roland, 1925 als Jürgen Schellack in Hamburg geboren, war mehr als nur ein Reporter mit Glück: Er absolvierte 1950 eine Ausbildung an der Fernsehschule der BBC in London und brachte das Expertenwissen nach Deutschland. Zurück in Hamburg nutzte er seine Kontakte zur Polizei auf St. Pauli, um das Genre des Fernsehkrimis („Stahlnetz“, „Großstadtrevier“) zu begründen.
Roland wusste genau, wie eine „Hafenkante“ auszusehen hatte, um glaubwürdig zu wirken. Als er Freddy Quinn 1952 für die Sendung „Was ist los in Hamburg?“ entdeckte, wandte er dieses Handwerk an, um aus dem Hillbilly-Sänger den „Seemann der Nation“ zu formen. Jahrzehnte später standen sie 1986 bei Dreharbeiten zum Großstadtrevier sogar gemeinsam vor der Kamera.
In den NDR-Studios am Rothenbaum und später in Lokstedt wurde die Marke Quinn förmlich am Reißbrett entworfen. Roland und sein Team verpassten dem Österreicher die Uniform, das Schiffchen und die wehmütigen Texte von der „Gitarre und dem Meer“.
