Ein Friedensgipfel nach dem „Kanzlertausch“-Angriff? Wie die Debatte völlig aus dem Ruder laufen konnte – und wo sie einen wahren Kern trifft.

Der Termin war lange geplant, das wird jetzt überall betont. Es geht zwar um eine Wahl, allerdings um die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Frühjahr 2027. Nicht um die Bundestagswahl. Ein Programmpunkt „Kanzlertausch“ findet sich auch nicht auf der Tagesordnung. Das muss man wohl dazusagen in diesen Tagen, wenn Friedrich Merz auf Hendrik Wüst trifft.

Es ist der Zufall, der den Bundeskanzler und den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten ausgerechnet jetzt zusammenführt. Am Montagmorgen ist Merz in einem Hotel in Meschede, knapp 25 Kilometer entfernt von seinem Wohnort Arnsberg, kurz zu Gast bei der „Mandatsträgerkonferenz“ seines Heimatlandesverbandes. Eine parteiinterne Veranstaltung, die über die Landesgrenzen hinaus in normalen Zeiten niemanden interessiert hätte.

Jetzt aber erwarten Wüst und Merz in Meschede unzählige Kameras, die das festhalten, was die CDU festgehalten haben will: die Begrüßung der beiden mit Handschlag, den freundlichen Smalltalk und den Kanzler, der den Journalisten fröhlich zuruft: „Guten Morgen allerseits!“ Wüst und Merz vereint in sonnigem Dauerlächeln. War irgendwas?

Ein bisschen was war schon. Der Zufall bringt an diesem Montag zwei Männer zusammen, die sich gerade eher nach sieben Tage Regenwetter fühlen dürften. Sie haben guten Grund, sich mal persönlich darüber auszusprechen, wie das genau gelaufen ist mit dem „Kanzlertausch“-Gerücht. Ihr Problem: Es ist für sie ein großer Haufen Mist, den sie auch mit ein paar gemeinsamen Fotos in Meschede wohl kaum vergessen machen können.

Hendrik Wüst und Friedrich Merz: Einmal recht freundlich, bitte, für die Fotografen. (Quelle: REUTERS/dpa-bilder)

Ein Gerücht pflügt durch die Republik

Das Elend für Friedrich Merz und Hendrik Wüst begann am Pfingstmontag. Beim „Stern“ schrieb der Journalist Julius Betschka einen Text mit dem Titel „Und plötzlich gilt Hendrik Wüst als Einwechselkanzler“. Das in der Union „bisher undenkbare Szenario“ eines Kanzlertauschs ist in der Welt.

Wüst statt Merz. Und zwar nicht erst irgendwann nach der nächsten Bundestagswahl. Es wäre eine Sensation, die sofort die Fantasie mancher Medien beflügelte. Der Journalist Paul Ronzheimer lud am Dienstag den „Stern“-Chefredakteur in seinen populären Podcast ein, um über das Szenario zu sprechen. Am Mittwoch schrieb Ronzheimer die „Kanzlertausch“-Gerüchte auf die Titelseite der „Bild“-Zeitung.

Es war der Zeitpunkt, an dem auch das Kanzleramt reagierte. Als „wüste Spekulationen“ bezeichnete jemand aus dem Merz-Umfeld die Gerüchte. „Es ist immer einfacher, über Personal zu quatschen, als sich ernsthaft mit den Einkommensteuersätzen oder der Pflegereform zu beschäftigen“, hieß es. Die „Stabilität im Bundestag“ werde dadurch gefährdet, was angesichts der Weltkrisen „doppelt fahrlässig“ sei. „Wer diese Spekulationen anstellt, betreibt das Geschäft der AfD und raubt der politischen Mitte die Autorität.“

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