Ein Notruf geht ein. Kurz darauf hebt ein Rettungshubschrauber vom Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn (ukb) ab. An Bord sind der Pilot, ein Notarzt und ein Notfallsanitäter – ein eingespieltes Team für Einsätze, bei denen es auf Routine, Präzision und Zeit ankommt.
Ziel ist die Kleinstadt Lübben in Brandenburg. Dort wartet ein Patient mit schweren Verbrennungen. Er muss schnell in das Verbrennungszentrum des UKB gebracht werden. Für die Crew ist das eine vertraute Routine.
„Wenn ein Notruf eingeht, zählt jede Sekunde“, sagt Notarzt Jan Martin. „Besonders bei Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten geht mit jeder Minute, die ohne Behandlung vergeht, Gewebe verloren.“ Deshalb muss zu Beginn einer Schicht alles vorbereitet sein, damit die Crew sofort losfahren kann. Vom Auslösen des Alarms bis zum Abheben vergehen in der Regel nicht mehr als zwei Minuten.
Wo die Luftrettung besonders wichtig wird
Die Luftrettung ersetzt nicht den bodengebundenen Rettungsdienst; es ergänzt es. Besonders wichtig wird es dort, wo die Entfernungen groß sind, Krankenhäuser weiter voneinander entfernt sind oder spezialisierte Behandlungen nur an wenigen Standorten möglich sind. In solchen Fällen kann der Zeitgewinn durch den Einsatz eines Helikopters entscheidend sein – sowohl für die Erstversorgung als auch für Transfers.
Die DRF Luftrettung betreibt bundesweit 33 Hubschrauberstützpunkte an 31 Standorten, drei davon in Berlin. Die Berliner Basis ist rund um die Uhr in Bereitschaft. Ein Helikopter kann in etwa 17 Minuten rund 70 Kilometer zurücklegen. Gerade außerhalb von Ballungsräumen kann das einen erheblichen Unterschied machen.
Klassische Notfalleinsätze und Patiententransporte
Das Besondere an diesem Stützpunkt: Der Intensivtransporthubschrauber „Christoph Berlin“ am Unfallkrankenhaus Berlin übernimmt zwei Arten von Einsätzen. Primäreinsätze sind klassische Notfalleinsätze direkt am Unfallort – beispielsweise nach Verkehrsunfällen oder bei akuten internistischen Notfällen. Dabei kommt es darauf an, dass die medizinische Hilfe schnell eintrifft.
Darüber hinaus gibt es Sekundäreinsätze, also Verlegungen zwischen Krankenhäusern. Patienten werden in ein anderes Krankenhaus gebracht, weil dort eine bestimmte Behandlung durchgeführt werden kann.
13 Stunden am Tag in Bereitschaft
Die Tagesschicht beginnt früh. Um 6.30 Uhr überprüfen die Besatzungsmitglieder die Technik, Ausrüstung und Einsatzbereitschaft. Dazu gehören die medizinische Ausrüstung, eine Inspektion des Helikopters und die Wetterlage. Das gemeinsame Briefing findet beim Frühstück statt.
Pilot Sebastian Nothbaum beschreibt, wie viele Faktoren bereits vor dem Start berücksichtigt werden müssen: das Wetter, Luftraumsperrungen, Trainingsübungen, vorgeschriebene Flugrouten. Luftrettung bedeutet daher nicht nur schnelles Fliegen, sondern auch sorgfältige Planung unter Zeitdruck.
Die Mannschaften arbeiten in 13-Stunden-Schichten. Das erfordert anhaltende Konzentration über viele Stunden hinweg – auch wenn man lange auf den nächsten Einsatz wartet. Sobald der Alarm eintrifft, muss alles schnell funktionieren. Hinzu kommen Nachtflüge, wechselnde Wetterbedingungen und die emotionale Belastung. Die Crew bringt es nüchtern auf den Punkt: „Man muss das wollen.“
Hochspezialisierte Hilfe an Bord
An Bord wird moderne Medizintechnik mitgeführt. In Berlin-Marzahn gehören seit November 2024 auch Blut- und Plasmakonserven zur Ausstattung. Bei schweren Verletzungen oder massivem Blutverlust können so lebensrettende Maßnahmen bereits beginnen, bevor der Patient das Krankenhaus erreicht.
Auch das Personal ist hochspezialisiert. Für den Einsatz am Helikopter benötigen Notärzte eine Zusatzqualifikation. Viele arbeiten auch in der Anästhesie oder Intensivmedizin, um eng mit der klinischen Praxis verbunden zu bleiben. Die Notärzte gehören nicht immer direkt zur DRF Luftrettung, sondern kommen aus Partnerkrankenhäusern.
Besondere Anforderungen gelten auch für Piloten und Notfallsanitäter (HEMS-TC). Sie müssen mit medizinischen und fliegerischen Abläufen vertraut sein und unter Zeitdruck als Team funktionieren. Dieses Zusammenspiel ist besonders bei der Landung abseits von Krankenhausstandorten von entscheidender Bedeutung.
Vor Ort führt die Crew eine sogenannte Hochaufklärung durch: Aus der Luft prüft sie, wo eine sichere Landung möglich ist und wie man den Patienten am besten erreicht. Nicht überall ist ein direkter Zugang möglich, so dass über den Weitertransport oft erst vor Ort entschieden wird.
Grenzen der Luftrettung
Bei tief hängender Bewölkung, Gewitter, Sturm oder Bodennebel kann ein Flug nicht oder nur mit Einschränkungen möglich sein. Vor jedem Start wird daher geprüft, ob die Mission sicher durchgeführt werden kann. Dabei werden auch Angaben des Deutschen Wetterdienstes berücksichtigt.
Auch vor Ort ist es nicht immer einfach. Nicht jeder Ort ist als Landeplatz geeignet und manchmal muss die Crew nach der Landung noch einen weiten Weg zurücklegen, um den Patienten zu erreichen. Auch eine öffentliche Zusammenarbeit ist erforderlich. Werden Sicherheitsabstände nicht eingehalten oder Anweisungen nicht verstanden, kann dies die Landung erschweren.
Was hinter jeder Mission steckt
Um die jederzeitige Verfügbarkeit der Luftrettung zu gewährleisten, ist eine komplexe Infrastruktur erforderlich. Hubschrauber, Technik, Wartung, Treibstoff und hochqualifiziertes Personal müssen ständig bereitgehalten werden. Laut DRF Luftrettung kostet ein Hubschrauber inklusive Ausrüstung mehrere Millionen Euro, pro Flugstunde werden rund 280 Liter Kerosin verbraucht.
Darüber hinaus kosten nicht nur erfolgreiche Transporte Geld. Auch Fehlalarme und Missionsabbrüche belasten das System. Jeder Start bringt den Hubschrauber seiner nächsten Wartung näher. Finanziert wird also nicht ein einzelner Flug, sondern ein permanentes Standby-System.
DRF-Geschäftsführer Dr. Krystian Pracz sagt: „Wir rechnen nach Flugminuten ab, das ist mit den Krankenkassen vereinbart. Das deckt alle Leistungen ab.“ Seiner Ansicht nach greift die Kostendebatte oft zu kurz. Eine schnelle Rettung kann auch dazu beitragen, Folgebehandlungskosten zu senken – etwa wenn Patienten früher versorgt werden und ihre Genesungszeit verkürzt wird.
Warum die Gesetz zur Begrenzung der Kosten der Krankenkassen alarmiert die Branche
Mit dem geplanten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (Quelle auf Deutsch)Die Bundesregierung will die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung stabilisieren und weitere Beitragserhöhungen begrenzen. Ziel ist es, Gehaltserhöhungen in vielen Bereichen des Gesundheitswesens zu begrenzen. Die Obergrenze soll sich am Grundlohnsatz orientieren, der die durchschnittliche jährliche prozentuale Veränderung des beitragspflichtigen Einkommens aller Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung widerspiegelt. Alternativ können auch tatsächliche Kostensteigerungen als Maßstab herangezogen werden, je nachdem, welcher Wert niedriger ausfällt.
Aus Sicht der Betreiber ist dies für die Luftrettung problematisch, da ihre Finanzierung mit diesen Kosten nicht mithalten kann. Die gemeinnützigen Luftrettungsorganisationen ADAC, DRF und Johanniter warnen daher vor einer Finanzierungslücke (Quelle auf Deutsch). Ihrer Ansicht nach würde dies einen Bereich unter Druck setzen, der in einem zunehmend spezialisierten Gesundheitssystem immer wichtiger wird.
Konsequenzen für die Pflege im ländlichen Raum
Für ländliche Regionen ist diese Debatte von besonderer Bedeutung. Wo Krankenhäuser weiter voneinander entfernt sind, Fachkliniken nicht in der Nähe sind und Fahrten auf der Straße länger dauern, kann die Luftrettung eine entscheidende Rolle spielen – bei Notfällen ebenso wie bei Verlegungen.
Mathias Buchholz, Notfallsanitäter und Helicopter Emergency Medical Service Technical Crew Member (HEMS-TC), beschreibt den Vorteil aus dem täglichen Einsatz so: „Wäre dies auf der Straße geschehen, wäre ein Notarzt drei bis vier Stunden außerhalb seines Einsatzgebiets gewesen. So geht es viel schneller.“ Ein langer Transportweg bindet Personal und verschlechtert die Versorgung an anderer Stelle. Für den Schwerverletzten aus Lübben kommt es letztlich auf den schnellen Weg zum Fachzentrum für Verbrennungen an.
Zurück im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn kommt wieder Ruhe. Der Patient ist übergeben, die Rotoren stehen still. Für die Crew ist die Mission beendet, aber ihre Schicht ist noch lange nicht zu Ende. Sie bleiben noch mehrere Stunden in Bereitschaft.
Ob dieses System auch in Zukunft so zuverlässig funktionieren wird, hängt nun auch von politischen Entscheidungen ab. Am 10. Juli soll der Bundestag über das Sparpaket abstimmen. Für Patienten dürfte es am Ende nicht darauf ankommen, wie teuer eine Flugminute ist, sondern darauf, dass sie rechtzeitig geflogen sind.










