Wer lügt, weiß, dass er lügt. Viel gefährlicher sind Menschen, denen es egal ist, ob das, was sie sagen, wahr ist oder nicht. Der Berliner Philosoph Philipp Hübl beschäftigt sich seit einigen Jahren mit diesem Phänomen, das der US-Philosoph Harry Frankfurt als „Bullshit“ bezeichnete.
In seinem 2018 erschienenen Buch „Bullshit-Resistenz“ fragt Hübl, warum wir anfällig für solche Realitätsmanipulationen sind und was wir tun können, um ihnen zu widerstehen. Seine Antwort führt uns zurück zum Stammesverhalten. Er sagt, dass Menschen soziale Wesen sind, die dazu neigen, dem Zugehörigkeitsgefühl einen höheren Wert beizumessen als der Wahrheit. Diejenigen, die den falschen Darstellungen ihrer Gruppe glauben, werden einen niedrigeren sozialen Preis zahlen als diejenigen, die ihnen widersprechen.
Dieser Wunsch nach Zugehörigkeit prägt jedoch nicht nur das, was wir für wahr halten, sondern auch das, was wir für richtig halten. In seinem 2019 erschienenen Buch „Die aufgeregte Gesellschaft“ zeigt Hübl auf, wie Emotionen und soziale Bindungen unseren moralischen Kompass bilden können. Er verweist in diesem Zusammenhang auf Erkenntnisse aus der Moralpsychologie: Auch scheinbar banale Präferenzen – etwa ob Menschen Hunde oder Katzen lieber mögen – können mit unterschiedlichen Wertorientierungen in Zusammenhang stehen. Während einige mehr Wert auf Freiheit, Wohlergehen und Gerechtigkeit legen, glauben andere, dass Autorität, Loyalität oder Reinheit wichtiger sind. Welche Werte uns besonders wichtig sind, hängt zum Teil davon ab, wie stark wir Empathie empfinden – und wie stark wir nach Zugehörigkeit streben. Wer moralisch handeln will, muss sich Hübl zufolge daher mit den eigenen Motiven und Gefühlen auseinandersetzen.









