Schwitzend durch den Park gelaufen, Selfie gemacht, auf Instagram gepostet: Joggende Politiker sind ein Phänomen. Warum diese Selbstinszenierung mehr nervt als inspiriert.

Gut 21 Kilometer. So weit will Ricarda Lang joggen. Einen Halbmarathon hat sich die Grünen-Politikerin vorgenommen. Das hat sie gerade im Interview mit der „Zeit“ kundgetan. Respekt. Auf Instagram postet die Grüne hin und wieder sportliche Beweisfotos vom Training mit Laufstirnband. Ihr Parteikollege Felix Banaszak hat den Halbmarathon schon geschafft. „Es lohnt sich, dranzubleiben. An sich zu glauben“, schrieb der Parteichef voller Pathos jüngst auf Instagram, dazu ein Selfie vom Berliner Halbmarathon mit Medaille.

Auch CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann lief vor anderthalb Wochen mit und lieferte den Nachweis prompt auf Instagram. „Kopf frei kriegen am Sonntag beim Berliner Halbmarathon“, schrieb der leidenschaftliche Jogger dazu. Weil klar, um den Kopf freizubekommen, joggt man mal eben 21 Kilometer. Oder auch nicht. Die wenigsten Deutschen dürften zum Stressabbau einen Halbmarathon laufen.

Öffentlichkeitswirksam gejoggt wird quer durch die Parteien: Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig tut es genauso wie CDU-Politiker Christoph Ploß, der sogar mit Schnee im Haar in Sportklamotten auf Instagram posiert, Hashtag „morningrun“. Und Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt dokumentiert ihre Laufbegeisterung gern auch mal im Video.

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Joggen, das bedeutet: Ausdauer, Disziplin, Durchhaltevermögen, Willensstärke, Zielstrebigkeit, Ehrgeiz. Alles Eigenschaften, die man auch für beruflichen Erfolg benötigt. Kein Wunder also, dass viele Politiker sich gern mit hochrotem Kopf beim Lauf um den See oder durch den Park selbst fotografieren und das Ergebnis dann in den sozialen Netzwerken posten. Die Botschaft: Seht her, während ihr auf der Couch herumlümmelt, habe ich mich aufgerafft, schon um 5 Uhr morgens. Mein Politjob ist so anstrengend, ich brauche Ausgleich. Und ich habe mein Leben im Griff. Erfolg auf ganzer Linie. Außenwirkung: eher abgehoben.

Tatsächlich sind diese pathetischen Lauf-Selfies nichts anderes als peinliche Selbstdarstellung, die Inszenierung der eigenen Tatkraft in der Leistungsgesellschaft, in der sich niemand gehen lassen darf. Wer es in die Spitzenpolitik geschafft hat, dem dürfte es an Ehrgeiz und Disziplin nicht mangeln. Daran besteht kein Zweifel. Es ist folglich nicht nötig, aller Welt mit verschwitzten Jogger-Selfies zu demonstrieren, wie hartgesotten Politiker sind. Politiker sollen gern laufen gehen. Aber allen anderen bitte den Nachweis ihres sportlichen Ehrgeizes ersparen.

Angefangen hat diese öffentliche Lauf-Obsession bei Politikern übrigens nicht erst im Zeitalter der sozialen Netzwerke. Der einstige Grünen-Spitzenpolitiker Joschka Fischer lief 1998 medienwirksam den Hamburger Marathon. Auf Fotos ist zu sehen, wie der spätere Außenminister völlig verschwitzt durch die Hansestadt rannte. Später veröffentlichte er sogar ein Buch mit dem Titel: „Mein langer Lauf zu mir selbst“. Darin schreibt er, wie er es schaffte, innerhalb kürzester Zeit Dutzende Kilo abzunehmen. Mit Laufen. Und Disziplin natürlich.

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