Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

der Gedanke kam mir während des 7:1 der deutschen Nationalmannschaft am vergangenen Sonntag im WM-Spiel gegen Curaçao. Genauer gesagt, in der 63. Minute.

Deutschlands Innenverteidiger Jonathan Tah schlug einen Steilpass auf den startenden Leroy Sané. Der hatte auf einmal Platz, weil er (wenn er will), Fußball so viel schneller ahnen, fühlen und spielen kann als andere. Sané sprang, schien fast zu schweben, während er den Ball mit einer Stelle seines Körpers kontrollierte, die irgendwo zwischen dem unteren Ende des Wadenbeins und der Hacke liegt und an der Sie und ich keinerlei Ballgefühl haben. Es war ein Gemälde von einer Ballannahme.

Das Leder gehorchte, fiel ihm vors Schussbein, gut 12 Meter vor dem gegnerischen Tor. Sané schaute kurz hoch, visierte den linken oberen Torwinkel an. Ich sprang von der Couch auf, mein Mund öffnete sich zum Torschrei und …

… Sané schoss den Ball links am Tor vorbei. Die Szene fiel in sich zusammen wie ein Soufflé, das man zu schnell aus dem Ofen genommen hat.

Machen wir es kurz, weil ich wirklich nicht stolz darauf bin. Aber ich habe in diesem Moment einige Dinge über Leroy Sané gesagt, die sehr unfreundlich waren. „Den MUSS er doch machen“, war noch das harmloseste, was ich sagte.

Ich frage mich seitdem, warum ich so wütend war, als Leroy Sané diese Großchance versemmelte. Passiert mir häufiger bei ihm. Er macht mich wütender, ehrlicherweise, als ich in einer vergleichbaren Szene auf Lennart Karl gewesen wäre, auf dessen Position Sané bei dieser WM spielt, weil Karl leider verletzt ist.

Die beste Antwort, die ich für mich gefunden habe, ist folgende: Ich „fremdle“ mit Leroy Sané. Tue ich wirklich. Und mir scheint, als sei ich nicht allein. Ich benutze ganz bewusst das Wort „fremdeln“.

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Denn ich frage mich: Hat es mit seiner Hautfarbe zu tun? Jetzt denken Sie vielleicht: „Bitte nicht die Rassismuskeule“. Und ich verstehe Sie. Aber ich habe mich das auch für Fußball-Deutschland gefragt, weil mir diese harsche Kritik, diese tiefe Wut auf Sané, die ihm von vielen Seiten/so vielen Richtungen entgegen schwappt, so irrational vorkommt. Und was gibt es Irrationaleres als Rassismus? Gut, Fußball vielleicht, aber danach gibt es nichts Irrationaleres als Rassismus.

Im Video | Diesen Beruf hat die berühmte Freudin von Leroy Sané

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Für mich selbst habe ich den Gedanken verworfen. Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich kein Rassist bin, weil vor allem Rassisten das gerne sagen. Ich formuliere es mal so: Ich freue mich, dass die deutsche Nationalmannschaft in ihrer Vielfalt ein Abbild des modernen Deutschlands ist, in dem ich mich wohl und zu Hause fühle, trotz aller Probleme. Und sollte die deutsche Mannschaft eine gute, erfolgreiche WM spielen, wäre ich glücklich. Wer für dieses Team aufläuft und woher er kommt, ist mir völlig egal.

Aber trotzdem, um den Gedanken zu Ende zu denken: Hat ein Leroy Sané in Deutschland eine ebenso gute Chance auf eine faire oder gar zugewandte Bewertung seiner Leistungen wie ein Florian Wirtz? Ein Kai Havertz? Ein Nick Woltemade? Oder fällt auf ihn ein strengerer Blick, weil er aussieht, wie er aussieht?

Ich habe darüber mit Kennern der Fußballszene gesprochen. Hansi Küpper ist eine wahre Institution als Fernseh-Fußballkommentator, für Sky verfolgt er die Bundesliga. Küpper kann in der Kritik an Sané keinen Rassismus erkennen: „Viele Spieler mit Migrationshintergrund werden gefeiert oder von der Öffentlichkeit sogar gefordert. Sané ist nun mal ein Stimmungsspieler, der immer wieder mit unglücklicher Körpersprache und schwacher Leistung auffällt.“

Auch Tennisprofi Alexander Zverev hadert mit seiner öffentlichen Wahrnehmung. (Quelle: IMAGO/Lionel Guericolas/MPP/Starface/imago)

Matthias Killing, Moderator bei Sat.1 und ProSieben, fühlt sich bei Sané an Tennisstar Alexander Zverev erinnert: „Auch der ist kein Sonnyboy, auch der eckt an, das mögen die Deutschen nicht. Auch ihm wird Unrecht getan, denn wir würdigen seine Erfolge nicht so, wie er es verdient hätte.“ Ähnlich wirke Sané in der öffentlichen Wahrnehmung. „Für mich ist er ein genialer Fußballer, ein riesiges Talent. Aber es ist komisch: Die Herzen der Deutschen hat er nie gewonnen.“

Uli Köhler, einer der intimsten Kenner des FC Bayern München, hat Sané fünf Jahre lang an der Säbener Straße erlebt: „Leroy ist ein feiner Kerl, vom Naturell her eher zurückhaltend“, erzählt er. Sané wirke nach außen oft eher frustriert als motiviert, und vor allem desinteressiert, defensiv mitzuarbeiten. In München habe Sané verdient wie ein Unterschiedsspieler, sagt Köhler weiter. „Nur: Er hat in fünf Jahren nie den Unterschied gemacht“. Nicht ein einziges Spiel habe Sané im Alleingang für den FC Bayern gewonnen. Selbst Pep Guardiola, Trainer-Guru und Sané-Fan, habe ihn bei Manchester City deshalb fallen lassen, erinnert der Reporter: „Das sagt viel aus.“

Beim FC Bayern war Sané fünfmal Meister, aber nie Meistermacher. (Quelle: IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON)

Tatsächlich stößt man im Zusammenhang mit Sané häufig auf diesen Gedanken: den eines „nicht eingelösten Versprechens“. Leroy Sané ist ein Fußballer, wie er nur alle paar Jahre geboren wird. Er hätte die Gabe, diesen Sport zu prägen, bewundert zu werden, Auszeichnungen und Titel zu sammeln wie andere Leute Briefmarken. Für sich, für die Fans und für sein Land.

Er hat dieses Versprechen nie eingelöst. Kein Meistertitel, den er mit München, Manchester oder Istanbul gewonnen hat, ist mit seinem Namen verbunden. Sané war bestenfalls dabei. „Seine“ Zeit in der Nationalmannschaft ist, Stand jetzt, eine der größten Durststrecken in der deutschen Fußball-Geschichte. War das allein seine Schuld? Auf keinen Fall. Aber Sané hat die vielen Tiefpunkte des DFB-Teams der vergangenen Jahre auch nicht verhindert, obwohl er das mit seinem Talent vielleicht gekonnt hätte.

Wozu er imstande ist, blitzt regelmäßig auf. Als Deutschland nach einer mauen WM-Qualifikationsrunde Ende letzten Jahres im Spiel gegen die Slowakei kurz vor dem WM-Aus stand, übernahm Sané die Partie. Er erzielte zwei Treffer, führte das Nagelsmann-Team zu einem 6:0 und so zum WM-Ticket. Damit nährte er erneut die Hoffnung, dass er dieser X-Faktor sein könnte, der Deutschland ganz nach oben bringt.

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