Auch Politikwissenschaftler Thomas Gschwend sieht solche Limitationen kritisch und verweist auf ein Beispiel aus Frankreich. Dort ist es nationalen Medien ähnlich wie in Deutschland verboten, am Wahltag vor Schließung der Wahllokale Umfrageergebnisse zu veröffentlichen. Um dies zu umgehen, veröffentlichten früher einfach ausländische Medien, insbesondere belgische Medien aus der französischsprachigen Wallonie, die Umfrageergebnisse. Bei strengeren Limitationen befürchtet Gschwend im Gespräch mit t-online ähnliche Prozesse auch in Deutschland: „Wenn wir Umfragen direkt vor der Wahl verbieten, werden sie vielleicht in Österreich veröffentlicht.“
Doch es kann auch funktionieren, wie andere EU-Staaten zeigen. In Italien dürfen etwa 15 Tage vor dem Wahltermin keine Umfragen mehr veröffentlicht werden, in Zypern sind es sieben.
Über die Auswirkungen der Umfragen auf den Wahlausgang herrscht Uneinigkeit. Meinungsforscher Binkert betont: „Wähler, die sich ihrer Wahlabsicht noch nicht ganz sicher sind, werden Vorwahlumfragen bei ihrer Entscheidung berücksichtigen.“ Das gelte vorwiegend für strategische Entscheidungen wie einem knappen Rennen um das Ministerpräsidentenamt oder dem Kampf um die Fünfprozenthürde einzelner Parteien.
Laut Politikwissenschaftler Gschwend wird die Bedeutung der Umfragen allerdings überschätzt: „Die Wissenschaft sagt: Wahlumfragen haben keinen großen Einfluss.“ Den Erhebungen werde eine zu große Bedeutung beigemessen: „Die meisten Leute kümmern sich nicht um Umfragen. Die haben bessere Dinge zu tun.“
Zwar macht die große Masse der Wählerinnen und Wähler ihre Entscheidung von anderen Faktoren abhängig. Aber im ZDF-Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen gaben in den vergangenen Jahren immerhin 20 Prozent an, sich bei der Wahlentscheidung von Umfragen beeinflussen zu lassen.
Doch wenn die Auswirkungen der Umfragen vergleichsweise gering sind, wie ist die Aufholjagd der Grünen in Baden-Württemberg zu erklären? Gschwend hat eine andere Erklärung. Er habe bereits einige Wochen vor der Wahl erwartet, dass die Grünen deutlich aufholen. Zwar lagen sie in der Sonntagsfrage hinten, aber bei einer anderen entscheidenden Frage vorn. So wollte früh eine Mehrheit der Wähler Cem Özdemir als Ministerpräsidenten haben. „Das ist guter ein Frühindikator“, erklärt Gschwend.
