Rekordandrang, viel Lob und eine Bilanz, die nachhallt: Die Wiesn 2026 wird als die beste jemals gelobt. Dabei wurde aber etwas Entscheidendes vergessen.
Die 191. Wiesn ist vorbei. 7,4 Millionen Menschen strömten auf die Münchner Theresienwiese, so viele wie nie zuvor. Die Stadt ist zufrieden, die Polizei spricht von einer „friedlichen und schönen Wiesn“. Auch Wiesn-Chef Christian Scharpf (SPD) schwärmt: „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte? Nächstes Jahr einfach alles wieder genauso noch einmal.“
Bei all der Lobhudelei ging allerdings unter: Diese Wiesn verzeichnet in diesem Jahr zwei schwere Arbeitsunfälle. Dass sie in der Bilanz zur Wiesn nur als Randnotiz aufgeführt werden, zeugt von fehlender Sensibilität.
Ein Mitarbeiter des Fahrgeschäfts „Hangover“ starb gleich am ersten Wiesn-Montag nach einem schweren Unfall. Ein weiterer Mitarbeiter wurde am gestrigen Sonntag von einem Fahrgeschäft an der Halswirbelsäule getroffen. Er musste reanimiert und mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. In beiden Fällen ermittelt die Kriminalpolizei. In beiden Fällen geht es um Mitarbeiter von Fahrgeschäften. Beide Männer sprechen Deutsch nicht als Muttersprache. Und beide hielten sich in Bereichen auf, die während des laufenden Betriebs eigentlich nicht betreten werden sollten.
Nicht nur die Besucher müssen geschützt werden
Das sind zunächst einmal Fakten. Mehr nicht. Aus ihnen lässt sich kein Schuldvorwurf ableiten. Schon gar nicht gegen die Betreiber. Es ist Aufgabe der Ermittler, herauszufinden, wie es zu den Unfällen kommen konnte. Trotzdem drängt sich eine Frage auf: Wie konnte es überhaupt dazu kommen?
War die Einweisung der Mitarbeiter ausreichend? Waren die Abläufe eindeutig? Waren Warnhinweise und Sicherheitsbereiche verständlich gekennzeichnet? Und spielte möglicherweise eine Sprachbarriere eine Rolle?
Denn eine Wiesn ist nicht nur dann sicher, wenn die Besucher sicher nach Hause kommen. Auch diejenigen, die dort arbeiten, müssen geschützt werden. Gerade bei Fahrgeschäften, bei denen tonnenschwere Konstruktionen, hohe Geschwindigkeiten und enge Arbeitsabläufe zusammenkommen, darf es keine Missverständnisse geben. Wenn sich am Ende herausstellt, dass irgendwo nachgebessert werden muss, dann sollte das auch geschehen.
Als wäre nichts passiert
Umso befremdlicher wirkt es, wenn wenige Stunden nach einem tödlichen Unfall am betroffenen Fahrgeschäft wieder alles seinen gewohnten Gang nimmt. Die Gondeln waren erneut voll besetzt. Der Betrieb lief weiter. An den Verstorbenen erinnerte lediglich eine Plastikrose. Kein Bild. Keine Blumen. Keine Erinnerung an einen Mann, der nicht nur Mitarbeiter eines Fahrgeschäfts war, sondern Familienvater. Ein Mensch, dessen Familie mit seinem Verlust für immer leben muss.
Ein öffentliches Gedenken hätte die Wiesn nicht weniger erfolgreich gemacht. Im Gegenteil: Es hätte gezeigt, dass hinter den Rekordzahlen Menschen stehen. Denn eine wirklich sichere Wiesn ist nicht die, bei der nach außen alles gut aussieht. Sondern die, bei der aus Arbeitsunfällen auch tatsächlich Konsequenzen gezogen werden. Und zwar bevor im nächsten Jahr wieder Millionen Menschen auf die Theresienwiese strömen.
