Die Verhandlungen scheitern rasch, die 30 Minuten werden nicht gebraucht. Dabei geht das Angebot, das Vincentz dem Helferich-Lager auf den Tisch legt, weit: Er soll alleine an der Spitze der AfD NRW bleiben – dafür aber soll der Landesvorstand paritätisch besetzt werden. Sechs Vertreter für sein Lager, sechs für Helferich. Es gäbe seinen Gegnern Macht, ihn komplett zu blockieren.
Doch das Helferich-Lager geht aufs Ganze. Alles oder nichts. Kompromisse liegen den Radikalen nicht. Und es ist Helferichs Wunsch, auch der mancher seiner gemäßigteren Mitstreiter: Vincentz muss weg, um jeden Preis. Stattdessen soll eine Doppelspitze in Zukunft den Landesverband regieren – angeführt von den Bundestagsabgeordneten Christian Zaum und Fabian Jacobi. An diesem Tag aber wird sich diese Kompromisslosigkeit für sie rächen.
Denn eine Stunde später entscheidet die Versammlung zuerst, ganz ohne konkretes Personal zu bestimmen: Es soll bei der Einerspitze bleiben – mit nur 30 Stimmen Mehrheit; 53 zu 46 Prozent. Vincentz‘ Lager bricht in Jubel aus.
Damit ist nämlich klar, was als nächstes geschieht: Fabian Jacobi tritt gegen Vincentz um die Einerspitze an. Doch er unterliegt mit 214 zu 270 Stimmen, 43 zu 54 Prozent. Der alte Landessprecher wird der neue Landessprecher sein. Durch den Saal hallen laute „Martin, Martin“-Rufe von den einen, die Parteijugend buht.
Es ist eine herbe Niederlage für das Helferich-Lager. Doch damit ist Vincentz‘ Kampf noch nicht beendet.
Vincentz bleibt Chef – im Vorstand verschieben sich die Mehrheiten
Denn es kommt auch auf die restliche Besetzung des Vorstands an. Vincentz sucht hier nicht den großen Kampf, sondern den Kompromiss. Immer wieder diskutiert er mit Helferichs Büroleiter Tim Csehan an der Seite des Saals, einmal unterbricht man die Versammlung und zieht sich wieder für mehrere Minuten zurück.
Was dort abgemacht wird, ist eine klassische Konsensliste: Sieben Plätze erhält Vincentz‘ Lager, fünf das von Helferich. Es ist schlechter als das Angebot, das Vincentz ihnen zuvor machte – besser aber als das, was sie zuvor mit drei Vertretern im Landesvorstand hatten. Es bleibt beiden Seiten nichts anderes, als aufeinander zuzugehen. Die Mehrheiten sind zu knapp, die nötigen 50 Prozent für manchen Kandidaten sonst wohl gar nicht schaffbar.
Das Helferich-Lager wird unter der Hand später sagen: Ihre fünf seien alles klare Helferich-Leute. Die andere Seite wird unter der Hand erzählen: Zwei bis drei seien darunter, die gar nicht so radikal und für sie gewinnbar seien. Entscheidend für beide ist: Jedem hier fehlt die Zweidrittelmehrheit, die erst das Einleiten von Parteiausschlussverfahren möglich macht.
Mit Tim Csehan aber erhält auch Helferichs Büroleiter einen Platz als Beisitzer im Landesvorstand. Es ist eine Besetzung, die im Bundesvorstand nach der Parteisatzung verboten wäre: Die untersagt, dass Menschen, die von Abgeordneten abhängig beschäftigt sind, in den Vorstand einziehen.
Csehan hält eine Bewerbungsrede ganz im Sinne seines Chefs: „Wir wollen unser Volk und unsere Identität erhalten – das ist der Auftrag ersten Ranges“, ruft er. Und: „Das A in AfD muss für Angriff stehen.“ Als Vorbild benennt er Höcke, als großes politisches Ziel die „Remigration“.
Helferich sitzt durch Csehan in Zukunft mittelbar am Tisch des Landesvorstands. Seine Truppen werden in dem wichtigsten Gremium des Verbands deutlich gestärkt. Für Vincentz wird die Lage so künftig noch schwieriger, die Spaltung noch größer.
Doch zuerst einmal ist dieser Tag ein Sieg für ihn, weil ein Signal an alle, die ähnlich denken wie er in der AfD: Für unser Lager ist noch nicht alles verloren.

Dieses Signal dürfte auch Alice Weidel vernehmen. Die tonangebende Frau auf Bundesebene trat ursprünglich nämlich politisch ähnlich auf wie Vincentz. Doch im letzten Jahr hat sie sich, auch durch radikale Wahlkampfreden, immer mehr dem Höcke-Lager angenähert – und sich in NRW gegen Vincentz gestellt.
Auch Weidel hielt am Samstag in Marl gleich zu Anfang des Parteitags eine kurze Rede. „Wir stehen voll hinter der Generation Deutschland“, rief sie da. Die gerade erfolgte Einstufung des Verfassungsschutzes für die Parteijugend sei ein „Orden, den man sich ans Revers klemmen kann“.
Nun steht Weidel auf der Seite der Verlierer. Schlecht für sie, zumal in diesem Sommer auch der Bundesvorstand der AfD neu gewählt wird. Ihre gemäßigteren Kollegen, unter denen sie als Opportunistin gilt, hoffen deswegen rasch auf einen neuerlichen Schwenk, eine Änderung im Ton, eine weitere Stärkung ihres Lagers, nun von ganz oben.
In NRW steht derweil schon im nächsten Jahr die nächste große Prüfung für Vincentz an: die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Ein schlechtes Ergebnis dort dürfte bei diesen Machtverhältnissen erhebliche Konsequenzen für ihn haben. Der Kampf um die heilige Stadt – er wird weiter toben.










