Verliert Donald Trump die Kontrolle über den Trumpismus?

Donald Trump ist ein Spieler. Die Vorwahlen für die „Midterms“ im Herbst muss er daher genießen. Der frühere Präsident will demonstrieren, dass er der unumstrittene Königsmacher in seiner Partei ist. Jene Republikaner, die gehofft hatten, der bald 76 Jahre alte Mann überreize seine Karten, wurden bisher enttäuscht. Hat er sich nun aber verzockt?

Majid Sattar

Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

In Ohio hatte Trump Anfang Mai, kurz vor dem Vorwahltermin, auf den in den Umfragen drittplatzierten Buchautor J.D. Vance gesetzt – gegen den Rat seiner Vertrauten. Vance zog letztlich mit Trumps Hilfe an seinen Mitbewerbern vorbei und wird sich im November um den offenen Senatssitz bewerben. Trump hatte es wieder einmal allen gezeigt.

Am Dienstag finden die Vorwahlen in Pennsylvania statt, der Mutter aller „Swingstates“. Lange Zeit dominierten zwei Männer das Bewerberfeld, in dem es um die Nachfolge des republikanischen Senators Pat Toomey geht: David McCormick, ein pensionierter Hedgefonds-Manager, und Mehmet Oz, ein türkisch-amerikanischer TV-Arzt mit umstrittenen medizinischen Ansichten, schienen die Sache unter sich auszumachen.

Auch McCormick buhlte um Trumps Gunst

McCormick steht für das Establishment der Partei beziehungsweise für das, was von diesem übrig ist. Auch er buhlte nämlich um Trumps Wahlempfehlung und reiste sogar eigens zu einer Audienz nach Mar-a-Lago. Trump aber sprach sich für den TV-Star „Dr. Oz“ aus. McCormick hatte nach dem 6. Januar 2021, bevor er sich entschloss, ins Senatsrennen einzusteigen, gesagt, Trump trage Mitverantwortung für die Kapitolserstürmung. Der frühere Präsident schimpft ihn inzwischen einen „linksliberalen Wall-Street-Republikaner“.

Die Vorwahlen in Pennsylvania gehören zu den teuersten im Land. Allein 51 Millionen Dollar gaben die Republikaner für Werbung aus. Und während „Dr. Oz“ und McCormick einander mit negativen Fernsehspots bekämpften, schloss auf einmal eine dritte Kandidatin zum Führungsduo auf: Kathy Barnette, eine 50 Jahre alte Afroamerikanerin, die früher mit homophoben und islamophoben Positionen Schlagzeilen gemacht hatte.

Kathy Barnette könnte den Konkurrenten gefährlich werden

Homosexualität zu akzeptieren, sagte sie etwa einst, führe dazu, am Ende auch Inzest und Pädophilie zu akzeptieren. Den Islam verglich sie mit den Weltanschauungen Hitlers und Stalins. Daran will sie sich heute nicht mehr recht erinnern. Lieber redet sie dieser Tage über das Thema Abtreibung. Ihre Mutter wurde im Alter von elf Jahren vergewaltigt, mit zwölf brachte sie Kathy zur Welt. In einem emotionalen Werbespot sagt sie über den Entschluss ihrer Mutter, die Schwangerschaft nicht abzubrechen: „Es ging nicht um Entscheidungsfreiheit. Es ging um mein Leben.“ Plötzlich interessierten sich viele für die Lebensgeschichte Barnettes, die auf einem Bauernhof in Alabama – angeblich ohne fließend Wasser – aufwuchs.

Kathy Barnette tritt in Pennsylvania bei den Vorwahlen an. Sie könnte den bisherigen zwei Favoriten gefährlich werden. nun schießt Trump gegen sie.


Kathy Barnette tritt in Pennsylvania bei den Vorwahlen an. Sie könnte den bisherigen zwei Favoriten gefährlich werden. nun schießt Trump gegen sie.
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Bild: AFP

Umfragen legen nahe, dass Barnette „Dr. Oz“ und McCormick gefährlich werden könnte, obschon sie nur über ein vergleichsweise mickriges Wahlkampfbudget verfügt. So gefährlich, dass Trump nun auf einer Kundgebung, auf der er mit „Dr. Oz“ auftrat, sagte: Barnette werde niemals in der Lage sein, die Hauptwahl im November zu gewinnen. Hat Trump die Kontrolle über den Trumpismus verloren? Der frühere Präsident klang auf einmal so wie seine parteiinternen Kritiker, die ihm vorwerfen, Leute zu unterstützen, welche in der in Pennsylvania hochumkämpften politischen Mitte keine Chance hätten.

Zur Überraschung vieler sprach Trump sich dann noch für Doug Mastriano aus, der sich im November für das Gouverneursamt bewerben will. Ihm werden gute Chancen gegeben, die republikanische Kandidatur zu erhalten, was freilich Trumps Wahlempfehlung erklärt. Sollte er mit „Dr. Oz“ im Rennen um den Senatorenposten am Ende danebenliegen, hätte er mit Mastriano immer noch eine Trophäe vorzuweisen. Schließlich geht es für Trump vor allem um eines: Er will zeigen, dass er weiter die Nummer eins in der Partei ist und sich so die Option wahren, 2024 noch einmal anzutreten.

Einige frühere Loyalisten bringen sich derweil selbst in Stellung. Mike Pompeo, der frühere Außenminister, unterstützt McCormick in Pennsylvania. Und Mike Pence, Trumps einstiger Vizepräsident, spricht sich in Georgia, wo Ende Mai gewählt wird, für die Wiederwahl Brian Kemps als Gouverneur aus – jenem Mann, der sich nach der Präsidentenwahl 2020 gegen Trump stellte und mithalf, Joe Biden den Wahlsieg zu sichern.

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