WM 2006: Tschechien im Schnellcheck
Die Tormaschine aus der Bundesliga
09.06.2026 – 14:01 UhrLesedauer: 5 Min.

Tschechien ist nach langen Jahren endlich zurück auf der WM-Bühne. Doch der Weg dahin war ein Ritt auf der Rasierklinge. Das Turnier wird es auch.
Eine Generation tschechischer Fußballfans hat nie erlebt, wie ihr Team auf der größten Bühne spielt – bis jetzt. Nach 20 Jahren Abstinenz ist die „Repre“ wieder bei einer Weltmeisterschaft dabei. Die Erwartungen? Überschaubar. Das Team? Eine Mannschaft von Arbeitern, keine Glamourtruppe. Trainer Miroslav Koubek übernahm erst zu Weihnachten, stellte sofort auf eine flexible Fünferkette um und setzte auf eiserne Disziplin.
Was an Glanz fehlt, macht diese Mannschaft mit Zusammenhalt und späten Toren wett – wie die beiden Playoff-Siege im Elfmeterschießen zeigen. Koubek hat aus einer verunsicherten Truppe eine verschworene Einheit geformt, die aus weit mehr als nur elf Stammspielern besteht. Die Tschechen sind gekommen, um zu arbeiten – und um zu bleiben, solange es geht.
So hat sich Tschechien für die Weltmeisterschaft qualifiziert
Die Qualifikation war ein Zitterspiel. Nach einer schwachen Gruppenphase – inklusive peinlichem Remis gegen die Färöer Inseln – stand Tschechien plötzlich ohne festen Trainer da. Interimslösung Köstl rettete das Team mit Ach und Krach in die Playoffs. Dort wurde es dramatisch: Gegen Irland reichte es erst im Elfmeterschießen, gegen Dänemark ebenfalls. Zweimal Nervenprobe, zweimal bestanden.
Erst mit der Verpflichtung von Miroslav Koubek im Dezember 2025 kehrte Ruhe ein. Koubek setzte auf defensive Ordnung, klare Ansagen – und führte die Mannschaft mit zwei Siegen in den Testspielen gegen Kosovo (2:1) und Guatemala (3:1) in die Endrunde. Fertig ist das Überlebensrezept.
Das sind Tschechiens Vorrunden-Gegner in der WM-Gruppe A
Tschechien spielt in der Gruppe A gegen Südkorea, Südafrika und Mexiko.
- Südkorea – Guadalajara, 12. Juni, 04:00 Uhr (MESZ): Die Koreaner sind laufstark, diszipliniert, unangenehm im Pressing. Ihr Umschaltspiel ist schnell, die Flügelspieler suchen jede Lücke. Für Tschechien heißt das: Kompakt stehen, keine Räume im Zentrum anbieten. Die Chance liegt in der Physis – Souček und Schick müssen Präsenz zeigen, sonst droht ein Fehlstart.
- Südafrika – Atlanta, 18. Juni, 18:00 Uhr (MESZ): Südafrika kommt über Tempo und Mut, ist aber defensiv anfällig. Die tschechische Elf muss die zweiten Bälle sichern und Standards erzwingen. Juráseks Flanken könnten zum Schlüssel werden. Aber Vorsicht: Wer zu hoch steht, läuft in Konter. Ein Geduldsspiel.
- Mexiko – Mexiko-Stadt, 25. Juni, 03:00 Uhr (MESZ): Mexiko ist technisch überlegen, spielt mit viel Ballbesitz und sucht das Kombinationsspiel. Für Tschechien wird es ein Spiel gegen den Ball – tief stehen, auf Umschaltmomente hoffen. Die Höhe von Mexiko-Stadt und die späte Anstoßzeit sind ein zusätzlicher Härtetest. Die Reiseroute: Guadalajara, Atlanta, Mexiko-Stadt – drei Klimazonen, drei Herausforderungen.
Das sind Tschechiens wichtigste Spieler
- Tomáš Souček (West Ham United, Marktwert ca. 10 Millionen Euro): Der Kapitän ist das Herz der „Repre“. 1,93 Meter groß, viermal Fußballer des Jahres, Marathonmann im Mittelfeld. Seine Ausdauer hat er von der Mutter, die Marathon läuft – und manchmal zog er als Kind mit ihr durch den Wald. Souček überstand eine schwere Zeit mit Schlaflosigkeit und Depression, heute feiert er jedes Tor mit dem „Helikopter“-Jubel. Im Spielaufbau bleibt er limitiert, aber als Staubsauger vor der Abwehr ist er unverzichtbar. Die Fans nennen ihn „Helikopter“. Das passt.
- Patrik Schick (Bayer Leverkusen, ca. 18 Millionen Euro): Schick ist der Zielspieler, der im Strafraum wartet. Schon als Kind feierte er Tore nicht, sondern holte den Ball und wollte weitermachen. Nach vergebenen Chancen flossen Tränen. Seine Karriere führte ihn von Sparta Prag über Sampdoria Genua , AS Rom und RB Leipzig zu Bayer Leverkusen – erst dort explodierte er. Im April 2026 erzielte er sein 100. Tor für den Klub. Verletzungsanfällig bleibt er, und im Kombinationsspiel taucht er oft ab. Aber wenn es zählt, ist er da. Eine echte Tormaschine.
- Adam Hložek (TSG Hoffenheim, ca. 10 Millionen Euro): Hložek fungiert wie ein Gaspedal im tschechischen Team – außen, innen, überall gefährlich. Er debütierte schon mit 16 Jahren bei seinem Heimatverein Sparta Prag, schoss dort 40 Pflichtspieltore, eher nach Leverkusen wechselte. Dort war er oft nur Rotationsspieler, jetzt sucht er in Hoffenheim sein Glück. Sein Markenzeichen: ein riesiges Löwen-Tattoo auf dem Oberschenkel. „Der Löwe gibt mir Kraft“, sagt er. Im Defensivverhalten ist er zuweilen nachlässig. Aber wenn er ins Rollen kommt, wird’s wild.
- David Jurásek (Slavia Prag, ca. 5 Millionen Euro): Jurásek ist der Flankengeber auf links. Benfica zahlte 14 Millionen Euro, setzte die Ausstiegsklausel auf 80 Millionen – dann kam die Knöchelverletzung. Nach Leihe zu Hoffenheim zurück zu Slavia, dort endlich der erste Meistertitel. Jurásek bringt Tempo, Physis, einen starken linken Fuß. Aber unter Druck passieren ihm Fehler, und im Stellungsspiel ist er verwundbar.
- Jindřich Staněk (Slavia Prag, ca. 2 Millionen Euro): Der „Tiger“ kam über Umwege zum Fußball. Erst versuchte er sich im Eishockey. In jungen Jahren trainierte er als Backup bei Everton mit Topstars wie Romelu Lukaku und Samuel Eto’o. „Das war, als würde man verprügelt“, erzählt er heute vom Schusstraining seinerzeit. Er musste durch die dritte Liga, nennt sich selbst „Katze mit sieben Leben“. Im Strafraum stark, bei Flanken manchmal flatterhaft. Er liebt Zoobesuche und verbringt viel Zeit vor dem Tigergehege. Von den Raubkatzen fühlt er sich „inspiriert“. Daher stammt sein Spitzname.
Das ist der Trainer: Miroslav Koubek
Als Miroslav Koubek im vergangenen Dezember als Trainer vorgestellt wurde, herrschte bei der „Reprezentace“ miese Stimmung. Nach einer Blamage gegen die Färöer Inseln wurde Vorgänger Ivan Hasek entlassen, Tomáš Souček die Kapitänsbinde entzogen – weil er sich nach dem 6:0 gegen Gibraltar nicht ausreichend bei den Fans bedankt hatte.
Doch der 74 Jahre alte Koubek, der einst für Sparta Prag das Tor hütete, brachte die Ruhe zurück in seine Heimat, die er als Trainer nie verließ (mit Ausnahme eines Gastspiels beim bayrischen FC Amberg). Durch zwei erfolgreiche Elfmeterschießen in den Playoffs beschenkte der Coach sein Land mit der ersten WM-Teilnahme seit 20 Jahren.









