„In Deutschland ist alles besser“

Der Psychologe Ulrich Schmidt-Denter, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Identitätsentwicklung im interkulturellen Vergleich gehört, weist darauf hin, dass Menschen im Ausland generell dazu tendieren, Vergleiche zu ziehen.

„Dabei spielt Selbstvergewisserung eine große Rolle“, erläutert der emeritierte Kölner Professor der Deutschen Presse-Agentur. Viele Studien belegten, dass sich Deutsche dabei nicht gerade durch ein in sich ruhendes, gefestigtes Selbstbild auszeichneten, sondern eher verunsichert seien. „Bei der Begegnung mit dem Fremden – also etwa im Urlaub – wird das zusätzlich herausgefordert.“

Dabei hätten lange zwei unterschiedliche Motivlagen dominiert: zum einen ein Gefühl des Stolzes darüber, dass andere Länder mit der deutschen Wirtschaftskraft und Effizienz nicht mithalten konnten. Es war das „Wir sind wieder wer“ der Wirtschaftswunder-Jahre.

Im Urlaub hätten die Deutschen etwa auf die „chaotischen Italiener“ herabgeblickt, bei denen scheinbar nichts funktioniert habe, berichtet der Historiker und Soziologe Hasso Spode, der eine Geschichte des Tourismus verfasst hat („Traum Zeit Reise“).

Dieses Gefühl der Überlegenheit nahm zuweilen unangenehme Formen an. „Behüt‘ uns Gott vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind“, hieß es damals. In den Niederlanden waren deutsche Touristen für den Satz bekannt „In Deutschland ist alles besser“.

Deutsche Touristen, die sich im Urlaub allzu auftrumpfend benehmen, verursachen mitunter Widerstand – so wie hier auf Mallorca. (Archivbild) (Quelle: Clara Margais/dpa/dpa-bilder)

Wie Spode recherchiert hat, gab es in der Nachkriegszeit jeden Sommer Illustrierten-Berichte über provinzielle, überhebliche Touristen so wie in Gerhard Polts späterer, 1987 gedrehter Urlaubssatire „Man spricht deutsh“. Benimm-Bücher gaben Verhaltenstipps: Spaghetti nicht mit dem Messer schneiden und auf dem Markusplatz in Venedig besser nicht in bayerischer Lederhose aufmarschieren!

Karl-Heinz, nicht hinschauen – da sind Deutsche!

Dennoch, so Schmidt-Denter, habe das Gefühl der Überlegenheit „wesentlich zur politischen Stabilisierung und zur Akzeptanz der Demokratie in Deutschland beigetragen“. Dass sich das Gefühl im Sommerurlaub nunmehr nicht mehr einstellen will, birgt deshalb nach seiner Einschätzung eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

„Die Wahrnehmung, dass uns viele Reiseländer nunmehr überflügelt haben, führt den Deutschen vor Augen, dass die gewohnte Erfolgsgeschichte an ihr Ende gekommen ist“, sagt Schmidt-Denter. „Man kann davon ausgehen, dass dies zu einem negativen kollektiven Selbstbild beiträgt. Vielleicht kann dadurch sogar das politische System in Deutschland delegitimiert werden.“

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