Heraskewytsch kritisiert deutsche Sportfunktionäre
Zwar hatte das IOC die Umsetzung der neuen Linie der Neutralität gegenüber russischen Sportlern ausdrücklich in die Hände der jeweiligen Einzelsportarten weitergegeben. Doch hatte der Turn-Weltverband (FIG/World Gymnastics) diesem Beschluss vorausgegriffen. Das Exektuivkomitee von World Gymnastics war schon im Mai 2026 vorgeprescht und hatte den Bann gegenüber russischen Sportlern mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Dem schloss sich der Europäische Turnverband kurz darauf an. Und so durften Putins Sportler bei der EM in Varna, Bulgarien, wieder unter russischer Flagge und mit russischer Hymne starten.
Offenbar hat nun aber auch die FIG die Bedenken der Mitgliederverbände und die Brisanz des Themas erkannt. „Wir haben noch keine Entscheidung getroffen, wir müssen flexible Maßnahmen ergreifen, das ist die Realität“, sagt FIG-Präsident Morinari Watanabe im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Auch das deutet eine Art Kurswechsel an. Könnte es doch eine Rückkehr zu den Ad-hoc-Regeln von 2024 bedeuten, die jedem Verband das Recht einräumen, russische Athleten unter neutraler Flagge starten zu lassen.
Das Hin und Her der Beschlüsse hat auch damit zu tun, dass die Verbände sich oft in einer behördlichen Zwickmühle befinden. Denn politisch ist Russland nach wie vor weitgehend isoliert, viele Regierungen erteilen russischen Sportlern keine Einreisegenehmigung. So beginnt am 13. August die EM der Turner in Zagreb. Die kroatische Regierung weigert sich jedoch, Visa für die russischen Athleten auszustellen. „Wir erleben hier ganz praktisch das Zusammentreffen des autonomen Sports mit der Politik“, sagte DTB-Präsident Hölzl.
Ukrainer: „Nicht richtig, Prinzipien zu verraten“
Dass der Deutsche Turn-Bund nun einen Sonderweg geht, dürfte in der Ukraine mit Wohlwollen aufgenommen werden. Dennoch übte der ukrainische Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch jüngst Kritik an deutschen Sportfunktionären. Zwar wisse er, „dass sich auch einige deutsche Funktionäre gegen die Entscheidung des IOC gestellt haben“, sagte der 27-Jährige im Gespräch mit der „FAZ“. Aber insgesamt sei das „zu wenig“.
Heraskewytsch war bei den Olympischen Spielen im Frühjahr wegen eines Helms mit den Abbildungen von 22 getöteten ukrainischen Athleten von seinem Wettbewerb ausgeschlossen worden. Er sei „von Deutschland ein wenig enttäuscht“, sagte er. Er vermiasst von deutschen Funktionären mehr Widerstand gegen den russlandfreundlichen IOC-Kurs.
Der Grund ist für den Skeletoni dabei offensichtlich – ausschlaggebend sei die anvisierte deutsche Bewerbung für eine Austragung der Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044. Doch es sei „nicht richtig, Prinzipien zu verraten, nur um Olympische Spiele nach Deutschland zu holen“, meinte Heraskewytsch.
