Diese Banden haben wie ähnliche Gruppierungen in Mittel- und Südamerika besonders bei jungen Männern Zulauf. Aus Gerichtsakten zu einem Prozess gegen die Daltons geht hervor, dass vornehmlich Männer von 15 bis 20 Jahren rekrutiert werden. Aber auch immer mehr junge Frauen würden Teil der Banden. Laut Cakli sollen es allein in Istanbul mit seinen gut 15 Millionen Einwohnern 1.000 bewaffnete Mitglieder sein. In einem laufenden Prozess gegen die berüchtigte Bande Casper sind rund 70 Minderjährige angeklagt.

Die Gangs lösten bei jungen Menschen aus Armenvierteln Faszination und Sehnsucht aus, sagt Cakli. Auf Tiktok präsentierten sie ein Leben, das Träume weckt: Geld, teure Autos, Waffen. Jugendliche, die sich den Banden anschließen, stammten oft aus kurdischen oder alevitischen Familien, die durch jahrzehntelange Diskriminierung an den Rand der Gesellschaft in der Türkei gedrängt wurden.

Die hohe Inflation der vergangenen Jahre habe die Situation weiter verschärft. „Drogendealer verdienen 250.000 bis 300.000 Lira im Monat“, so Cakli. Das sind knapp 5.000 bis knapp 6.000 Euro. „Ein Textilarbeiter arbeitet jeden Tag 13 bis 14 Stunden in der Fabrik, ist oft nicht versichert und bekommt keinen Mindestlohn. Wenn die Kinder dieser Familien nicht gefasst werden, verdienen sie in wenigen Monaten das Einkommen von vielleicht zwei oder drei Jahren.“

Zudem erhielten Minderjährige oft nur kurze Gefängnisstrafen. In diesen Kreisen sei das ohnehin eher eine Auszeichnung als ein Nachteil. Der Zugang zu den Banden ist denkbar leicht, eine Nachricht genügt: „Jemand, der unter einem Video auf Tiktok einen Kommentar hinterlässt, kann zwei Monate später als Auftragsmörder tätig werden.“

Waffen seien problemlos verfügbar. Per Tiktok könne man sich von einem Kurier für umgerechnet knapp 60 Euro eine Waffe liefern lassen, berichtet Cakli. Ein Kalaschnikow-Sturmgewehr gebe es bereits für 300 Euro.

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