Die 24 Minuten von Le Mans

Ein hektischer Anruf von der Teamleitung, und die Nacht ist vorbei, obwohl sie gerade erst begonnen hat. Raus aus dem Marco Polo, rein in die Klamotten und nix wie in die Boxengasse. Unterwegs noch im Laufen Helm und Handschuhe überstülpen, in den engen Sitz quetschen, schon steckt einer der Mechaniker das Lenkrad auf die Nabe, lässt den riesigen Holzkranz mit einem kurzen Ruck einrasten und startet den Motor. Während das infernalische Brüllen eines ungezähmten Reihensechszylinders einsetzt, der auch mit 70 Jahren noch kein bisschen milde klingt, schließt sich sanft die Flügeltüre.

Wie von selbst drückt die rechte Hand den langen Schalthebel in den ersten Gang, der eine Fuß lässt flott die Kupplung kommen, während der andere das Inferno unter der endlosen Haube mit sanften Stößen weiter anheizt. Nervös zittern die Uhren im spärlich beleuchteten Armaturenblech – dann hebt sich leicht der Bug, der Wagen reckt sich, und im gleißenden Flutlicht biegt der Mercedes 300 SL ein auf die Start-Ziel-Gerade des berühmtesten Autorennens der Welt: Willkommen bei den 24 Stunden von Le Mans, willkommen zur Nachtschicht mit einer Legende.

So ähnlich müssen sich auch Hermann Lang und Fritz Riess gefühlt haben, als sie am 14. und 15. Juni 1952 hier zum ersten Mal mit einem 300 SL unterwegs waren, lange bevor von 1954 an die ersten Kunden den Supersportwagen aus Wirtschaftswunder-Deutschland kaufen konnten. Am 12. März 1952 vorgestellt und erst mal nur als Rennwagen entwickelt, hat er in diesem Jahr schon bei der Mille Miglia als Zweiter reüssiert, den großen Preis von Bern gewonnen und soll jetzt bei der ultimativen Härteprüfung im Motorsport beweisen, dass Mercedes nach 22 Jahren Abstinenz an der Sarthe wieder zurück ist im Zirkus der ganz Schnellen und Furchtlosen.

Gleiche Strecke, fast gleiches Auto

Das ist jetzt genau 70 Jahre her, und mit Theo Helfrich und Helmut Niedermayr in einem zweiten SL im Windschatten hat der Flügeltürer mit der Nummer 21 gleich zum Debüt den ersten – und bislang übrigens einzigen – Gesamtsieg für Mercedes bei den 24 Stunden von Le Mans herausgefahren. Wenn das nicht Grund genug ist, wenn schon nicht mit demselben Auto, dann zumindest mit einem fast gleichen noch einmal auf die Strecke zu gehen. Zumal selbst nachts noch Tausende auf den Tribünen sitzen und das wilde Treiben verfolgen, das die „Le Mans Classic“ zur wahrscheinlich spektakulärsten Oldtimer-Veranstaltung in Europa macht.

Natürlich geht es an diesem Tag um nichts als um die Erinnerung und um die Ehre, doch an Adrenalin herrscht trotzdem kein Mangel. Denn wo Lang und Riess damals der Kampf gegen Jaguar, Aston Martin, Lancia und den Le-Mans-Novizen Ferrari die Nerven gekitzelt haben, ist es heute neben der Uhrzeit und den mäßigen Lichtverhältnissen auf der bei Dunkelheit erschreckend schmalen Strecke der schiere Wert des Autos, der den Puls in die Höhe treibt. Selbst wenn dieser Flügeltürer nicht ganz an die 135 Millionen Euro herankommt, die das „Uhlenhaut Coupé“, einen nur zweimal gebauten und nie eingesetzten Rennprototypen für die Saison 1956, zum teuersten Auto der Welt machen, ist auch dieser 300 SL für diese Nachtfahrt auf den Spuren einer Legende eine wahre PS-Pretiose.

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