Tag der Entscheidung: Ford-Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft | Regional

Saarlouis – Es ist der Tag der Entscheidung. Eine Entscheidung, die auch wichtig für die Zukunft des Saarlandes als Automobil-Region ist: Bekommt das Ford-Werk in Saarlouis den Zuschlag für den Bau des E-Autos oder zieht es gegen das spanische Valencia den Kürzeren?

In einer Betriebsversammlung sollen an diesem Mittwoch die rund 5000 Beschäftigten informiert werden, wie sich Ford-Europa-Chef Stuart Rowley (55) entschieden hat.

Das Ende der Zitterpartie mit gutem Ausgang fürs Saarland? Oder ein schwarzer Tag?

Saar-Wirtschaftsminister Jürgen Barke (59, SPD) war zuletzt optimistisch: „Nach unserer Auffassung hat das Werk Saarlouis die Nase deutlich vorne.“

Saar-Wirtschaftsminister Jürgen Barke (SPD) hofft, dass der ganze Prozess nicht eine Farce war

Foto: picture alliance/dpa

Er sagte aber auch: „Sollte sich herausstellen, dass sich Ford dennoch für Investitionen in Valencia entscheidet, ist das der endgültige Beweis, dass der ganze Prozess nur eine Farce war, um eine getroffene Entscheidung zu rechtfertigen.“

Laut „Saarbrücker Zeitung“ soll die ehemalige CDU/SPD-Landesregierung kurz vor der Landtagswahl noch ein 500-Mio.-Euro-Paket geschnürt haben, um Ford das Saarland schmackhaft zu machen.

Für OB Peter Demmer (Saarlouis) wäre das Aus von Ford „eine absolute Katastrophe“

Für OB Peter Demmer (Saarlouis) wäre das Aus von Ford „eine absolute Katastrophe“

Foto: Thomas Wieck

Für Saarlouis-OB Peter Demmer (62, SPD) wäre das Aus des Saarlouiser Ford-Werkes „eine absolute Katastrophe, nicht nur für die Stadt Saarlouis, sondern für die gesamte Region“. Und: „Zahllose Familien stehen direkt oder indirekt im Ford-Werk in Lohn und Brot. Sollten sie dies verlieren, sind die Folgen für uns alle unabschätzbar – wirtschaftlich, menschlich und emotional.“

Auch der Dillinger Bürgermeister Franz-Josef Berg (65, CDU) warnt: „Die Arbeitsplätze von Ford und der verbundenen Betriebe sind lebenswichtig für unser Industrieland. Auch nach 2025 brauchen wir eine automobile Vollproduktion in Saarlouis.“

Zukunftsängste bei den Beschäftigten!

Oliver Wagner (37): „Jeder hat Familie und Haus und hofft, dass wir hier weiterhin arbeiten können.“ Gian-Luca Mancarella (27) nimmt kein Blatt vor den Mund: „Die Situation ist einfach scheiße! Ich habe vor Kurzem erst ein Haus gekauft und bin Vater geworden.“

Doreen Müller: „Die Stimmung war noch nie so mies“

Doreen Müller: „Die Stimmung war noch nie so mies“

Foto: Laszlo Pinter

Doreen Müller (39) arbeitet seit 20 Jahren bei Ford: „Die Stimmung war noch nie so mies wie jetzt.“ Katharina Pusse (32): „Ich würde so gerne hier weiter arbeiten, weil die Leute so toll sind.“ Und Tobias Krieger (26) sagt: „Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt…“

Auch der Dillinger Kebab-Verkäufer Adil Payam hofft, dass es auch nach 2025 in Saarlouis weitergeht. Denn bis dahin wird dort noch der Focus gebaut. Der 35-Jährige: „Für uns wäre das ein herber Verlust. Wir liefern mehrmals in der Woche direkt ins Werk. Mitarbeiter kommen auch regelmäßig zu uns zum Essen.“

Tobias Krieger: „Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.“

Tobias Krieger: „Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.“

Foto: Laszlo Pinter

Der Saarlouiser Betriebsrat hielt sich bisher bedeckt, ob schon durchgesickert ist, wie sich die Ford-Zentrale in Dearborn/USA entschieden hat. Die IG Metall hat für Mittwochnachmittag zu einer Pressekonferenz eingeladen.

Auch aus dem Kölner Stamm-Werk von Ford keine Information. Ein Sprecher am Dienstag auf BILD-Anfrage: „Wir befinden uns zurzeit in einem unternehmensinternen Entscheidungsfindungsprozess, der noch nicht final abgeschlossen ist. Sobald eine Entscheidung getroffen ist, werden wir dies verkünden und selbstverständlich informieren.“

Unabhängig von der Entscheidung, welches Ford-Werk künftig das E-Auto bauen wird, wackeln aber schon jetzt in Saarlouis rd. 800 Arbeitsplätze: Erst Anfang Juni wurde den Mitarbeitern mitgeteilt, dass nach den Werksferien die Produktion um 15 % gesenkt werden soll.

20. Oktober 1969: die erste Ford Escort-Rohkarosse

20. Oktober 1969: die erste Ford Escort-Rohkarosse

Foto: Ford

Die Geschichte von Ford in Saarlouis

Das Ford-Werk in Saarlouis steht als Meilenstein in der Geschichte des Saarlandes hin zu einer Automobil-Region.

► Auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes Röderberg beginnt 1966 der Bau des Werks.

► Der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard hatte sich beim Kölner Ford-Vorstand für den Standort eingesetzt, damit die Region – gebeutelt durch die Kohle- und Stahlkrise – einen Wirtschaftsaufschwung erfährt. Grundsteinlegung im September.

► Die Produktion beginnt 1968 – 700 Beschäftigte fertigen zunächst Karosserieteile für andere Ford-Werke.

► Am 20. Oktober 1969 entsteht die erste Ford-Escort-Rohkarosse. Am 16. Januar 1970 der erste Ford Escort. 2000 Beschäftige sind es da schon. Offiziell eingeweiht wird das Werk am 11. Juni 1970 durch Henry Ford II., Enkel des Firmengründers.

► Von 1971-1975 fertigt das Werk zusätzlich zum Escort knapp 150 000 Einheiten des Ford Capri (Alltagssportwagen). 1976 rollt der erste Ford Fiesta (Kleinwagen) vom Band, 1980 der zweimillonste. Zeitweise waren 6500 Mitarbeiter hier beschäftigt.

► 1998 löst der Ford Focus den Escort ab. 1999 wird der Focus zu Europas “Auto des Jahres” gekürt, zum meistverkauften Auto der Welt. 2008-2012 kommen 330 000 Ford Kuga (SUV) aus Saarlouis.

► Bis heute haben mehr als 15 Mio. Ford-Modelle das Werk verlassen.

Rainer Wendt bei BILD TV Massenschlägerei! Freibad-
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Quelle: BILD
21.06.2022

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