Von Kirsten Ripper & Euronews
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Der Moment der Entdeckung war für die Unterwasserarchäologen besonders beeindruckend. Beim Tauchen im Neuenburgersee machten Fabien Langenegger und Julien Pfyffer eine spektakuläre Entdeckung aus dem Römischen Reich.
„Zuerst näherten wir uns beide vorsichtig diesem Kreishaufen, der ein Minendepot aus dem Zweiten Weltkrieg hätte sein können. Doch als ich das Licht meiner Kamera einschaltete, tauchte die charakteristische Farbe von Terrakotta auf. Als wir uns einige zerbrochene Teller ansahen, wurde uns klar, dass dieser Fund außergewöhnlich war.“
So beschreibt Julien Pfyffer von der Schweizer NGO Octopus Foundation in einem Interview mit Euronews den Fund einer besonders gut erhaltenen Ladung eines Schiffes, das vermutlich zwischen 20 und 50 n. Chr. gesunken ist. Sogar Essensreste in den Keramikgefäßen werden nun analysiert.
„Wir blieben wie angewurzelt über der Ladung stehen“
„Wir standen mehrere Minuten lang wie angewurzelt über dieser Ladung. In diesem Moment, als ich Fabien beobachtete, wurde mir klar, dass wir uns in einer ganz besonderen Situation befanden.“ Dies geschah Ende November 2024, wurde aber lange Zeit geheim gehalten, um Plünderungen zu vermeiden.
Drohnenaufnahmen, die einen dunklen Fleck im seit mehreren Jahren klareren Wasser des Neuenburgersees zeigten, hatten den Tauchgang eingeleitet – es wurde nach einem Wrack gesucht. Bei Ausgrabungskampagnen – die im Jahr 2025 zwei Wochen und im Jahr 2026 fast einen Monat dauerten – haben die Unterwasserarchäologen der Octopus Foundation mehr als 1.000 Objekte ausgegraben.
Hinweise zu Küchenutensilien und Legionären
Es wird angenommen, dass es sich dabei um die Ladung eines Frachtschiffes handelte, das in der Schweiz hergestellte Küchenutensilien in ein römisches Lager bringen sollte. Eine Kiste wurde auf das Jahr 17 n. Chr. datiert.
Das Wrack des Frachtschiffs wurde im Neuenburgersee noch nicht gefunden. In den letzten Jahrzehnten wurden sowohl im Rhein in Deutschland als auch in der Rhône in Frankreich römische Schiffe ausgegraben.
Allerdings wurden Gegenstände gefunden, die zur Ausrüstung von Legionären gehörten – nämlich zwei Gladiatorenschwerter, ein Dolch, eine Gürtelschnalle und eine Fibel. Nach Angaben des Archäologenteams deuten diese darauf hin, dass Legionäre das Schiff eskortierten. Angesichts der Menge der gefundenen Artefakte könnte die Ladung für eine Legion von rund 6.000 Mann bestimmt gewesen sein.
Außerdem wurde ein Weidenkorb entdeckt, der laut Archäologen „auf wundersame Weise in der Kreide des Sees erhalten geblieben ist und eine Gruppe von sechs Keramikobjekten enthält, die sich in ihrer Herstellung vom Rest der Ladung unterscheiden“. Das Forschungsteam geht davon aus, dass es sich dabei um das weniger aufwändige Geschirr und Essen der Seeleute, also der Schiffsleute, handelt.
„Wir haben alle Artefakte – knapp über 1000 – aus dem Wasser geborgen, die Gefahr liefen, durch Anker oder Netze beschädigt oder von Plünderern gestohlen zu werden. Diese Artefakte befinden sich jetzt in der Reinigungsphase und werden vom Restaurierungsteam an Land bearbeitet. Sobald diese Phase abgeschlossen ist, können die Restauratoren mit den Archäologen besprechen, was sie beobachtet haben und was wir während der Ausgrabungsphase völlig übersehen, da wir uns sehr oft mitten in einer Sedimentwolke befinden“, erklärt Julien Pfyffer. „Die Restauratoren werden in der Lage sein, Details (wie Herstellungssiegel, Lebensmittelspuren, Schutzelemente wie Stroh zwischen den Tellern) zu erkennen, die für uns im Wasser nur sehr schwer zu erkennen sind.“
Das Team der Octopus Foundation bereitet ein Buch und einen Dokumentarfilm vor, die 2027 veröffentlicht werden sollen. Im Laténium wird eine Ausstellung der spektakulären Funde stattfinden (Quelle auf Deutsch)das größte archäologische Museum der Schweiz, in Neuenburg. Ein Termin steht noch nicht fest. Und es gibt noch viel zu entdecken: Laut dem Octopus-Team gibt es in den Ozeanen mehr historische Artefakte als in allen Museen der Welt.
