Faktencheck

Deutsche zu oft krank? Das sagt ein neuer Europa-Vergleich

Aktualisiert am 03.07.2026 – 16:49 UhrLesedauer: 3 Min.

Eine Frau liegt mit Erkältung im Bett: Den Deutschen wird ein hoher Krankenstand nachgesagt. (Quelle: MilanMarkovic/getty-images-bilder)

Die politische Reformdebatte kreist um Fehlzeiten am Arbeitsplatz. Eine Studie zeigt: Das Bild, das Statistiken zeichnen, kann trügerisch sein.

Die deutsche Wirtschaft soll wieder wachsen und die Arbeitnehmer sollen ihren Beitrag dazu leisten. Aus Sicht der Bundesregierung zählt dazu auch, die Zahl der Krankentage einzudämmen. Denn die sei „zu hoch“, sagte Kanzler Friedrich Merz (CDU) bei der Vorstellung des Reformpakets, das unter anderem eine verpflichtende Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankentag sowie die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung vorsieht.

Doch lassen sich die Menschen in Deutschland tatsächlich so oft krankschreiben? Wie schneiden die Bundesbürger im Vergleich zu anderen Europäern ab? Diese Frage hat das Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) 2025 im Auftrag der Krankenkasse DAK untersucht. Ein Vergleich ist allerdings schwieriger als gedacht.

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Elektronisches Meldeverfahren verzerrt den Vergleich

Laut Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) liegt Deutschland im Jahr 2022 mit 24,9 registrierten Fehltagen an der Spitze, gefolgt von Tschechien (19,2 Tage), Norwegen (18,8 Tage) und Luxemburg (18,6 Fehltage). Am unteren Ende der Tabelle stehen Portugal (8,5 Tage), Großbritannien (5,7 Tage) und die Türkei (3,2 Tage). Die Zahlen eignen sich laut IGES-Studie jedoch nicht für einen Systemvergleich.

Das liegt daran, dass die OECD ihre Daten aus verschiedenen nationalen Quellen bezieht. Ein Problem dabei: Die registrierten Fehlzeiten werden von nationalen Regeln beeinflusst, wie Arbeitsunfähigkeit genau gemessen wird. Neben Estland, Lettland und Polen ist Deutschland eines der wenigen europäischen Länder, das Fehltage durch ein gesetzlich verpflichtendes elektronisches Meldeverfahren (eAU) sehr genau erhebt. Nach dem Entgeltfortzahlungsgesetz muss ein Arbeitnehmer hierzulande spätestens am vierten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen. Die anderen Tage werden nicht erfasst.

Auch Umfragen mit Vorsicht zu behandeln

Aussagekräftiger ist die Europäische Arbeitskräfteerhebung (European Labour Force Survey). Sie befragt Haushalte auch nach Abwesenheitszeiten von der Arbeit. 2024 lag Deutschland mit 3,6 Wochen Abwesenheit im Jahr hier im oberen Mittelfeld. An der Spitze standen Norwegen (5,9 Wochen), Finnland (5 Wochen) und Spanien (4,9). Ganz unten rangierten Bulgarien (0,4), Griechenland (0,2) und Rumänien (0,1).

Diese Zahlen sind für den Zeitraum ihrer Erhebung einheitlich, es gibt aber erneut ein Problem: In den Staaten gibt es unterschiedliche Regelungen zur Lohnfortzahlung und damit auch verschiedene Wahrnehmungen von einem Krankentag. So gibt es laut IGES in Estland, Frankreich, Portugal, Spanien und Lettland Karenz-Regelungen von einem bis zu drei Tagen: In dieser Zeit besteht kein Anspruch auf Lohn oder Gehalt.

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