Weißer oder grüner Spargel?

Oberflächlich geht das Konzept der Seeheimer Spargelfahrt perfekt auf. Auf dem Sonnendeck wird geraucht, getrunken und getratscht, durch das Mitteldeck plätschert harmonische Klaviermusik, überall riecht es nach Sauce hollandaise. Koalition muss auch mal Fun machen, Politiker sind auch nur Menschen.

Aber sie sind eben auch hier, um Politik zu machen: Die Spargelfahrt der Seeheimer ist nicht nur ein Netzwerktreffen und innerparteiliche Machtdemonstration des konservativen SPD-Flügels (der stets stolz darauf war, der größte Flügel zu sein, aber nicht mehr ist, zumindest behauptet das der linke SPD-Flügel am Tisch). An diesem Dienstagabend, vor dem sehr wichtigen Mittwochabend, ist der Ausflug auf dem Tegeler See vor allem eine Botschaft. Denn nicht nur Söder war eingeladen, mit der SPD diese jährlich stattfindende kulinarisch-nautische Tradition mitzufeiern. Auch CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, CDU-Außenminister Johann Wadephul und der CDU-Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft und Tourismus, Christoph Ploß.

So wird das gemeinsame Futtern von Spargel, Kartoffeln und Schweineschnitzel ein Gradmesser dafür, wie gut die Unions- und SPD-Spitzen noch miteinander können, nach dem ganzen Streit der jüngsten Zeit. Der Spargel als Kitt, der die Koalition zusammenhält?

Nein, das wäre zu viel des Guten. Auch wenn man versucht, den Spargelwitz bis ins Äußerste auszureizen. Klingbeil, Söder und Linnemann werden gefragt, ob sie lieber weißen oder grünen Spargel mögen. Alle nennen – natürlich – den Spargel aus ihrer Region (in allen drei Fällen ist er weiß) und das Publikum schmunzelt pflichtschuldig, aber auch ein wenig verkrampft. Politik ist ziemlich berechenbar geworden, die Spargelfahrt der SPD ist hier keine Ausnahme.

„Sagt mal, habt ihr noch was zu essen?“

Als das Essen eigentlich schon vorbei ist, marschiert im blauen Anzug und weißen Hemd Carsten Linnemann auf das Mitteldeck und ruft generalsekretärsmäßig in den Raum: „Sagt mal, habt ihr noch was zu essen?“ Linnemann ist umringt von mehrheitlich weiblichen Servicekräften, die die Notlage sofort erkennen. „Auch kaltes Schnitzel?“, wirft Linnemann unvermittelt hinterher. Nein, Schnitzel ist aus. Dem CDU-Mann wird trotzdem geholfen, es gibt noch Bratwürste, zwei Teller sind schon im Anmarsch.

Dass die SPD ihre Premiumgäste im Stich lässt, wäre eine schlechte Schlagzeile, und so wird viel dafür getan, dass der CDU-Generalsekretär an Bord nicht hungern muss. Linnemann findet das schon sehr beeindruckend, was die Seeheimer hier aufgefahren haben. Eine „ganz starke Veranstaltung“ sei das, sagte er in seiner Eingangsrede, gerade vor dem Hintergrund des Gesprächs mit den Sozialpartnern am Mittwoch im Kanzleramt.

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