Rückenschmerz: Diese Schmerzmittel können Rückenleiden verschlimmern – Gesundheit

Mehr als 60 Prozent der Bundesbürger leiden mindestens einmal im Jahr unter Rückenschmerzen. Der untere Rücken ist etwa doppelt so häufig betroffen wie der obere. Und mehr als 15 Prozent haben sogar chronische Rückenschmerzen, die drei Monate oder länger anhalten. Das geht aus den Ergebnissen einer Telefonbefragung hervor, die das Robert Koch-Institut veröffentlicht hat.

Volkskrankheit Rückenleiden. Die meisten Betroffenen greifen zu Schmerzmitteln. Ibuprofen, das auch gegen Entzündungen wirkt, ist oft das Mittel der Wahl.

Ob das eine gute Idee ist? Denn eine neue kanadische Studie zeigt, dass entzündungshemmende Medikamente chronische Schmerzen verursachen können.

Das Forscherteam beobachtete zunächst 98 Patienten mit Schmerzen im unteren Rückenbereich. Diejenigen, bei denen die Schmerzen innerhalb von drei Monaten verschwanden, hatten eine sehr aktive Entzündungsreaktion.

Dann analysierten die Forscher die britische Biobank-Datenbank mit 500 000 Teilnehmern. Dabei fanden sie ein 76 Prozent höheres Risiko für anhaltende Schmerzen bei Patienten, die nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen einnahmen, gegenüber jenen Patienten, die zwar schmerzlindernde, aber keine entzündungshemmenden Medikamente wie Paracetamol einnahmen.

Zusätzlich ergab eine Studie mit Mäusen, dass entzündungshemmende Medikamente die Schmerzen langfristig verlängern, also chronisch machen.

Entzündungen können heilsam sein

Das führte die Wissenschaftler zu der Vermutung, dass Entzündungen hier eine schützende Wirkung haben und zum Abklingen von Rückenschmerzen beitragen. Durch Entzündungshemmer wie Ibuprofen wird dieser heilende Effekt verhindert.

Ist eine Entzündung denn nicht immer schädlich?

„Wie jede Reaktion unseres Körpers ist auch eine Entzündung eine unmittelbare Reaktion auf eine Schädigung. Sie dient der Elimination der Ursache und der Reparatur des Schadens. Wenn die Entzündung aber überschießend ist oder andauert, kann sie selbst Schäden verursachen, im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen“, erklärt Prof. Martin Hug, Klinischer Pharmazeut und Leiter der Apotheke des Uniklinikums Freiburg.

Greife man bei Rückenschmerzen mit Medikamenten in die Entzündung ein, bestehe das Risiko, dass die Heilung verzögert wird und sich zum Beispiel ein chronischer Schmerzzustand ausbilden kann.

Paracetamol ersetzt Ibuprofen nicht

Sollten Menschen mit Rückenschmerzen jetzt am besten Entzündungshemmer wie Ibuprofen, Diclofenac & Co. meiden? Die Forscher sagen dazu deutlich Nein, es müssten erst noch weitere Studien erfolgen.

Diese Vorsicht kann Prof. Hug nachvollziehen: „Die Ursachen für akute Rückenschmerzen sind vielfältig und können häufig auf eine Schwellung im Bereich der Wirbelkörper zurückgeführt werden. Hier gilt es, zügig der Schwellung entgegenzuwirken, damit wieder eine Beweglichkeit hergestellt werden kann.“

Paracetamol habe zwar eine ganz gute schmerzstillende Wirkung, wirke aber nur in einem geringen Maße abschwellend. Deshalb könne es die klassischen, entzündungshemmenden NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) nicht ersetzen.

„Wichtig ist eine gute Diagnostik, um die Ursache für die Schmerzen zu identifizieren. Ein pauschales Verzichten auf jegliche NSAR ist auf Basis der vorliegenden Studie nicht gerechtfertigt“, sagt der Medikamenten-Experte.

Es sei zwar belegt, dass Wundheilung und Knochenwachstum durch NSAR verzögert bzw. behindert werden kann. Aber auf der anderen Seite könne es bei nicht kontrollierten Schmerzen zu Fehlstellungen und -haltungen kommen, was die Symptomatik verschlimmert.

„Hier gilt es, den Teufelskreis zu durchbrechen und den Patienten zu mobilisieren. Für diesen Zweck kann auch eine kurzfristige Einnahme von NSAR in Kauf genommen werden“, so Prof. Hug.

Was bei anhaltenden Schmerzen zu tun ist

Wenn Rückenschmerzen bleiben, liegt das aber nicht nur an Medikamenten. „Der größte Risikofaktor für die Chronifizierung sind psychosoziale Belastungsfaktoren“, sagt Dr. Burkhard Lembeck, Orthopäde in Ostfildern und Präsident des Berufsverbandes für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU).

Anerkannte Therapie bei chronischen Rückenschmerzen sei deshalb Entspannungstraining, ein aktivierender Lebensstil und regelmäßige eigene Übungen. Um in Bewegung zu bleiben, können heutzutage auch interaktive Lösungen genutzt werden. Dr. Lembeck empfiehlt beispielsweise das BVOU-Projekt „OrthoHero“: „Damit versuchen Orthopäden, ihre Patienten per Smartphone zu Eigenübungen zu animieren und persönlich zu begleiten.“ Die App-unterstützte Behandlung ist seit April bundesweit verfügbar.

Auch verhaltenskognitive Maßnahmen können laut Dr. Lembeck durchgeführt werden. In der therapeutischen „Hilfe zur Selbsthilfe“ sollen Lösungen für die belastende Situation gefunden werden, um mit chronischen Schmerzen besser zurechtzukommen.

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