Oft geht es einfach um Menschenwürde. Auch hier ein Beispiel: Auf der Intensivstation müssen wir ständig entscheiden, wer unsere Hilfe zuerst braucht. Dinge wie Haarekämmen fallen dann hinten runter. Wenn bei einer jungen Patientin wochenlang niemand Zeit hat, sich um die Haare zu kümmern, verfilzen sie so stark, dass am Ende nur noch das komplette Abschneiden bleibt. Es ist menschenunwürdig, wenn eine junge Frau das Krankenhaus mit Glatze verlassen muss, nur weil niemand Zeit hatte, sich um ihre Haare zu kümmern. Manchmal ist Pflege nicht der Unterschied zwischen Leben und Tod, sondern der Unterschied zwischen Würde und Entwürdigung – und dafür fehlt im Alltag oft die Zeit.
Das sind wahrscheinlich vor allem Folgen von Personalmangel?
Genau. Wenn zu wenige Pflegekräfte vor Ort sind und zu viele Patienten versorgen müssen, steigt die Komplikationsrate. Es gibt mehr Infektionen und Blutvergiftungen, mehr Fehler bei der Medikamentengabe, Komplikationen werden schneller übersehen, weil man seine Aufmerksamkeit auf zu viele Menschen verteilen muss. All das kann Patienten das Leben kosten – und belastet letztlich die Solidargemeinschaft, weil sie längere Krankenhausaufenthalte bezahlen muss.
Die Bundesregierung plant auch, den Zugang zu den Pflegestufen zu erschweren. Was hätte das für Folgen?
Nur weil man die Hürde höher legt, wird der Pflegebedarf nicht kleiner. Wenn Menschen nicht die Pflegestufe bekommen, die sie nach ihrem tatsächlichen Bedarf bräuchten, kann es passieren, dass sie stürzen, weil sie allein sind oder ihre Tabletten nicht nehmen. Wir erleben im Krankenhaus immer wieder ältere Menschen, die von zu Hause mit Verdacht auf Schlaganfall eingeliefert werden – und am Ende stellt sich heraus: Die Menschen haben einfach zu wenig getrunken, sind bildlich gesprochen „ausgetrocknet“. Gerade bei älteren Menschen kann so etwas ähnliche Symptome auslösen wie ein Schlaganfall. Das alles zeigt: An der Pflege kann man nicht sparen.
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Es gibt allerdings Sparbedarf, der Haushalt lässt trotz Sondervermögen kaum Spielräume.
Eines kann ich dabei nicht verstehen: Wir investieren so viel in Rüstung. Wir kaufen Panzer, Raketen und so weiter. Das ist grundsätzlich richtig – auch ich will, dass wir uns verteidigen können, wenn es zum Ernstfall kommt. Aber: Verteidigungsfähigkeit ohne ein intaktes Gesundheitssystem ist eine Illusion. Denn wer versorgt im Ernstfall die Verletzten, Traumatisierten, Verwundeten? Das ist nun einmal das Gesundheitssystem. Es ist also offenbar Geld da – und dennoch spart man an der Gesundheit. Ich finde, man sollte sogar mehr Geld ausgeben.
