Appell von Ermittler

Online-Betrug: Wacht jetzt die Politik auf?


28.04.2026 – 17:27 UhrLesedauer: 5 Min.

Oberstaatsanwalt Nino Goldbeck: Er kennt Maschen und Ausmaß von Onlinebetrug und mahnt schnelles Handeln an.

Oberstaatsanwalt Nino Goldbeck: Er kennt Maschen und Ausmaß von Onlinebetrug und mahnt schnelles Handeln an. (Quelle: Imago/Montage: t-online)

Mit Täuschung erbeutete Daten: Was bei Bundestagspräsidentin Julia Klöckner „nur“ eine Messenger-App getroffen hat, bedeutet für immer mehr Menschen den Verlust von viel Geld. Deshalb braucht es neue Wege, mahnt Deutschlands führender Ermittler auf dem Gebiet.

Über die Welt bricht eine nie gekannte Flut von Online-Kriminalität herein, und Deutschland schläft – so sehen es Fachleute. „International ist es Konsens, dass wir eine ‚Scamdemie‘ erleben, eine Pandemie des Onlinebetrugs“, sagt Nino Goldbeck, Oberstaatsanwalt und Leiter einer Einheit bei der „Zentralstelle Cybercrime Bayern“. Europol spricht bei Umfang, Vielfalt, Raffinesse und Reichweite der verschiedenen Online-Betrugssysteme von einem „nie zuvor gesehenen Bild“. Künftig würden alle Formen der schweren und organisierten Kriminalität durch Online- und Cyberbetrug in den Schatten gestellt.

Die Probleme seien überall identisch, sagt Goldbeck. Aber in Deutschland sei kaum Bewusstsein vorhanden. Der Staatsanwalt ist weltweit auf den Spuren der Netzwerke unterwegs, die die Menschen immer professioneller mit Internet, Telefon, Lug und Trug um ihr Geld bringen wollen. „Das geschieht zunehmend aus dem Bürohochhaus statt aus dem Kellerloch.“ Spezialisierte Unternehmen übernehmen arbeitsteilig Prozesse in der Betrugskette.

Bei einem Expertentreffen forderte Goldbeck Handeln und regte ein spezielles Zentrum an, in dem idealerweise Ermittler, Finanz- und Telekommunikationsbranche kooperieren. So sollen Verbraucher besser geschützt. Und aus der deutschen Politik kommt Zuspruch: Es muss schnell mehr passieren, um die Menschen besser zu schützen.

Goldbeck informierte sich gerade in Singapur, wo das Problem so konsequent angegangen wird wie an kaum einem anderen Ort. Er war mit philippinischen Behörden in einer ausgehobenen Betrugsfabrik, in der sich das Problem dramatisch zeigt: Menschen müssen dort sklavenartig Fremde in anderen Teilen der Welt ausnehmen – diese Täter sind selbst Opfer. Sie müssen über soziale Netzwerke Kontakte knüpfen und mit viel Zeit Vertrauen aufbauen, ehe sie dann ihre neuen „Freunde“ locken, in betrügerische Anlagen zu investieren. Für den Fachbegriff „Pig butchering scam“ – die Betrugsmasche, ein Schwein anfüttern und dann zu schlachten – gibt es in der deutschen Wikipedia bisher nicht mal einen Eintrag.

Goldbeck gehört zu den Ermittlern, die bei Durchsuchungen in einem Callcenter in Georgien im Einsatz waren. Dort wurden auch Deutsche mit gefälschten Anzeigen, in denen Politiker oder Prominente für Investitionen in Krypto werben, um jeweils Hunderttausende Euro betrogen. Der als Pionier unter den Ermittlern geltende Goldbeck bereits Für seine Verdienste vom „Bund der Kriminalbeamten“ mit dem „Bul le Mérite“ geehrt.

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