„Ich habe ihn schon gewählt, ich habe Briefwahl gemacht“, sagt etwa Roland Damm. Der 75 Jahre alte Heidelberger findet Özdemir „authentisch“, der könne einfach gut mit den Leuten, sei einer von hier. Ein Widerspruch, dass Özdemir so lange in Berlin war? Nein. Ähnlich sieht es Monika Reichert. Özdemir sei nahbar und menschlich, sagt die 68-Jährige. Sie hat dem Grünen bei einer Veranstaltung in Schwetzingen zugehört. Zwar habe sie sich vorher schon wegen der Inhalte für die Grünen entschieden. Aber nun habe sie auch die Person Özdemir voll und ganz überzeugt.
Schwetzingen ist rund zehn Kilometer von Heidelberg entfernt. Überregional kennt man die Stadt wegen ihres berühmten Schlosses. Vor einem Brauhaus im Zentrum hat sich am Samstagvormittag eine kleine Schlange gebildet. Rundherum genießen die Menschen das erste warme Wochenende des Jahres bei Wein, Bier und Kaffee in der Sonne. Ins „Welde Brauhaus“ kommen die Menschen an diesem Vormittag aber nicht wegen des Bieres, sondern wegen Özdemir.
Die wenigen Sitzplätze sind schnell belegt, Dutzende Menschen müssen sich mit einem Stehplatz zufriedengeben. Eine Frau verrückt einen Stuhl. Eine andere fragt, ob man das dürfe – wegen des Brandschutzes. Im Ländle herrscht starke Ordnungsliebe, auch Özdemirs Reden kommen nicht ohne Witze über die Kehrwoche aus. Die Krawatte hat er dieses Mal zwar zu Hause gelassen, beim Sie bleibt er allerdings. Doch bevor er in Schwetzingen mit seinem Programm beginnt, bekommt er vom Brauhaus-Besitzer erst einmal Bier geschenkt. Und zwar ganz besonderes Bier.
Auf dem Etikett der Flaschen ist Özdemir mit seiner Ehefrau Flavia Zaka zu sehen, auch Boris Palmer ist darauf abgebildet. Der Tübinger Oberbürgermeister hat das Paar erst vor gut zwei Wochen getraut, im Tübinger Rathaus. Doch nicht nur privat setzt Özdemir auf den Ex-Grünen, der die Partei vor rund drei Jahren nach einem inakzeptablen Judenstern-Vergleich und der Verwendung einer rassistischen Bezeichnung für Schwarze verließ.
Özdemir tritt im Wahlkampf regelmäßig mit Palmer auf. Es wird darüber spekuliert, dass der einstige Unruhestifter der Grünen ein Ministeramt in Özdemirs Kabinett bekommen könnte. Der schließt das öffentlich nicht aus. Die Spekulationen darüber dürften Özdemir gelegen kommen.
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Mit Palmer an seiner Seite dürfte der Grünen-Spitzenkandidat versuchen, konservative Wählerinnen und Wähler von FDP, CDU und vielleicht sogar AfD abzugraben. Denn Palmer hat vor allem beim Thema Migrationspolitik Positionen eingenommen, die denen der Grünen diametral entgegenstehen. Auch bei identitätspolitischen Debatten lag Palmer mit seiner damaligen Partei über Kreuz. Der 53-Jährige steht nicht in Verdacht, ein woker Großstadt-Grüner zu sein. Damit passt er wiederum gut zu Özdemir.
Auch Özdemir fordert eine schärfere Migrationspolitik. Im Interview mit t-online sprach er sich etwa für Asylverfahren in Drittstaaten aus. Auf der Bühne in Schwetzingen ist Migration aber kein Thema. Hier geht es um den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg, die Autoindustrie, Konkurrenz aus China, Entbürokratisierung, die Dauerbaustelle Stuttgart 21 und Bildung als Aufstiegsversprechen.
Das Thema Mieten, Evergreen bei den Linken, spart er aus – auch bei seinem Auftritt in der Universitätsstadt Heidelberg, wo Wohnraum knapp und teuer ist. Die 21 Jahre alte Studentin Lena nimmt es ihm nicht übel. Das zähle ja zum Bereich Soziales, sagt sie. Özdemir habe ja ausführlich über Arbeiterkinder gesprochen. Also vor allem über sich selbst.
Özdemir redet auf der Bühne frei, bringt die Leute zum Lachen. Die Witze sind zwar allesamt einstudiert, aber Özdemir ist Profi genug, um sich das nicht anmerken zu lassen. Vor allem der bayerische Ministerpräsident Markus Söder bekommt sein Fett weg. Wenn Özdemir ihn wegen seiner Essens-Fotos auf Instagram „Food-Blogger“ nennt, tobt der Saal. Söder-Witze haben sich im Politikbetrieb als Selbstläufer etabliert. Da braucht es nicht viel Kreativität, um ein paar Lacher abzustauben.

Bei Özdemirs Auftritten können die Gäste auch Fragen stellen. Das heißt, sie können ihre Frage auf einen Bierdeckel schreiben. Und wenn sie Glück haben, wird ihre Frage von Özdemirs Team ausgewählt, und der Spitzenkandidat beantwortet sie. „Stört es Sie, dass Ihr Name immer noch falsch ausgesprochen wird“, lautet eine dieser Fragen in Schwetzingen. Özdemir, dessen Nachname bei diesem Termin bereits falsch ausgesprochen wurde (Ötz-demir statt Ös-demir), lacht.
Es gebe so viele Varianten, er habe da schon vieles gehört, sagt er. In der Schule hätten sie ihn Marmelade oder Gsälz, der schwäbische Begriff für Marmelade, genannt, weil sie im Unterricht das englische Wort für den süßen Aufstrich gelernt hätten: Jam. Das habe die Mitschülerinnen und Mitschüler dann an seinen Vornamen Cem erinnert.
Özdemir gibt auch hier wieder den sympathischen Außenseiter, der sich durchgebissen hat. Das Anderssein taugt als Herkunftsgeschichte, als Beweis für Bodenständigkeit und Biss. Doch es ist auch Teil einer Inszenierung geworden. Denn mit dem Sonderling aus Härtlings „Hirbel“ hat Özdemir heute nur noch wenig gemein.
Vielmehr setzt Özdemir auf ein ganzes Repertoire an Rollen. Ein Underdog, der gleichzeitig wie jeder andere ist. Ein erfahrener Politiker mit dem Anstrich des Unverbrauchten. Und zugleich einer, der herumgekommen ist und dennoch nie die Heimatverbundenheit verloren hat. Statt all diese Widersprüche einfach nur auszuhalten, formt er sie zu einer Erzählung. Ob ihn diese Erzählung in die Staatskanzlei tragen wird, wird sich am Sonntag zeigen.











