„Oktopus-Invasion“
Kraken übernehmen die Nordsee
Aktualisiert am 18.08.2026 – 15:53 UhrLesedauer: 2 Min.
Tintenfisch statt Krabben: Nordsee-Fischer ziehen zunehmend andere Tiere aus dem Meer. Die See verändert sich – und was auf den Tisch kommt, ist mehr und mehr mediterran.
Vor nicht einmal zehn Jahren war es eine Sensation: 2017 meldete die Schutzstation Wattenmeer auf der Hallig Hooge den Fund des ersten lebenden Kraken im Wattenmeer. „Möglicherweise hängt das Auftreten mit den milden Wintern und der stetigen Erwärmung der Nordsee zusammen“, vermutete damals der Biologe Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer.
Mittlerweile ist die Zahl der Tintenfische in der Nordsee stark gestiegen. In Belgien machen die Kopffüßer, zu denen Kalmare und Kraken gehören, inzwischen etwa 23 Prozent der gesamten Fangmenge der flämischen Fischer aus. Einige sprechen von einer „Oktopus-Invasion“ – einer regelrechten Populationsexplosion.
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„Alles ging sehr schnell“, sagte Tom Premereur, Direktor der Flämischen Fischauktion dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). Die großen Kraken träten erst seit zwei Jahren auf, nun würden sie bereits tonnenweise gefangen.
Klimakrise: Südliche Nordsee hat sich um 4 Grad erwärmt
In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild, wie der Tintenfischexperte Daniel Oesterwind vom Rostocker Thünen-Institut für Ostseefischerei der „taz“ erklärte: 2024 habe die deutsche bodennahe Schleppnetzfischerei knapp 20 bis 21 Prozent ihres gesamten Umsatzes mit Tintenfischen gemacht. 2020 habe dieser Anteil gerade mal ein Prozent betragen.
Die Ursache sehen die Experten in der Klimakrise. Die Erwärmung insbesondere des südlichen, relativ flachen Teils der Nordsee ist besonders stark. Laut Hans Polet, wissenschaftlicher Direktor am flämischen Institut für Landwirtschafts- und Fischereiforschung, hat sich dieser Teil des Meeres in den vergangenen 100 Jahren um vier Grad aufgeheizt – genug, damit die Eier der Tintenfische in der Nordsee überleben können.
„Drastisch, was in den Meeren passiert“
Die Folgen der Erhitzung sind gravierend: Die gesamte Unterwasserwelt verändert sich. Raubfischen wie dem Kabeljau wird es zu warm. Zudem melden britische Fischer, dass die Fänge von Krabben, Hummern und Jakobsmuscheln zurückgehen. Das sind Arten, die Oktopusse gerne fressen. Zwei Drittel der für eine Studie der Marine Fisheries Association (MBA) befragten Fischer sehen entsprechend hauptsächlich negative Auswirkungen in der Ausbreitung der Tintenfische.
Aber es gibt auch Fischer, die sich umstellen: Laut dem britischen Sender BBC investieren einige Unternehmen in neue Fanggeräte, um sich auf die Oktopusfischerei zu spezialisieren. Dem deutschen Tintenfischexperten Osterwind zufolge könnten Tintenfische die Nordseefischerei vor dem Niedergang retten: „Aus ökologischer Sicht ist es schon sehr drastisch, was gerade in den Meeren passiert“, sagte er der „taz“.