Nesthocker: Mit DIESER Ansage ziehen Ihre Kinder endlich aus – Ratgeber

Deutschland ist ein Muttersöhnchen-Land! Laut Statistischem Bundesamt verlassen junge Erwachsene in Deutschland immer später das heimische Nest. 35 Prozent der 25-jährigen Männer lebte im Jahr 2020 noch bei den Eltern, mit 30 Jahren waren es immerhin noch 13 Prozent. Töchter verlassen das Hotel Mama meist früher.

Woran das liegt, erklärt Dr. Filip Caby, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V. Außerdem sagt der Experte, warum Ausziehen ein wichtiger Entwicklungsschritt ist und mit welcher Ansage Eltern ihren Nachwuchs am besten aus dem Haus oder aus der Wohnung „werfen“.

Nesthocker – wieso, weshalb, warum?

Dr. Filip Caby trifft in seinem Beruf des Öfteren auf Familien, bei denen ein Kind es sich ein wenig zu gemütlich im Nest gemacht hat. „Ich wundere mich dann schon, wenn junge Erwachsene den Schritt in die Selbstständigkeit nicht machen“, so der Therapeut.

Seine Erklärung: „Wir leben in einer Welt mit immer mehr Möglichkeiten. Das ist großartig, macht es aber zeitgleich schwerer, eine Entscheidung zu treffen. Vielen jungen Menschen fällt es schwer, ihren eigenen Pfad als Erwachsener einzuschlagen. Sie fühlen sich überfordert und bleiben dann lieber im sicheren Elternhaus.“

Kolossale Ereignisse wie der Krieg in der Ukraine, die Corona-Pandemie oder die Teuer-Explosion sorgen zusätzlich für Angst und unterstützen den Reflex, im trauten Heim zu bleiben.

Junge Männer bleiben außerdem länger im Elternhaus, weil sich Männer tendenziell später in festen Partnerschaften binden als Frauen. Die Töchter gehen eher früher eine ernsthafte Beziehung ein und ziehen dann in eine gemeinsame Wohnung.

Pseudo-Ablöseprozess

Der Auszug aus dem Elternhaus bedeutet einen Ablösungsprozess von beiden Seiten – das Kind löst sich von den Eltern und die Eltern vom Kind. Bleibt der Nachwuchs allerdings zu Hause, kommt es häufig zu Streit und einem Pseudo-Ablöseprozess.

Was soll das heißen? Dr. Filip Caby erklärt: „Die ständigen Streitereien erwecken den Anschein, dass sich Eltern und Kind voneinander lösen – in Wirklichkeit treten sie aber auf der Stelle. Solange das Kind nicht auszieht, kann die nötige Ablösung nicht stattfinden.“

Dr. Filip Caby: „Der Zoff mit den Eltern nervt, aber die jungen Menschen wägen ab, was das kleinere Übel ist. Streiten oder tatsächlich Ausziehen. Alleine zu leben bedeutet viel mehr als die Wäsche selbst zu waschen. Viel bedeutsamer wiegt die Angst, selbst Verantwortung für alle Lebensbereiche übernehmen zu müssen.“

Die goldene Ansage zum Rausschmeißen

Sie als Elternteil wollen, das Ihr Kind endlich auszieht, aber wissen nicht, wie Sie das sagen sollen? Hier kommt die ungeschönte Wahrheit vom Therapeuten: Sagen Sie es einfach!

Dr. Filip Caby: „Reden Sie nicht um den heißen Brei herum oder verfangen sich in Erklärungen, warum es gut für Ihr Kind wäre auszuziehen. Ihre Message sollte klar sein: „Wir möchten, dass du ausziehst. Wir möchten jetzt unser Reich für uns haben.“

Keine Hilfe bei der Wohnungssuche

Den Satz „Ich möchte, dass du ausziehst“ ist ausgesprochen, aber der Nesthocker besteht darauf, dass es unmöglich sei, mit seinen Mitteln eine Unterkunft zu finden? Sollen Sie Ihrem Kind Ihre Hilfe bei der Wohnungssuche anbieten?

Dr. Filip Caby verneint das ganz klar. „Der junge Erwachsene sollte möglichst selbst eine Unterkunft finden. In die Selbstständigkeit kann man nicht getragen werden, den Schritt muss man selber gehen. “

Das heißt nicht, dass Sie Ihrem Kind ab jetzt die kalte Schulter zeigen. Vermeiden Sie es lediglich, Ihrem Kind Lösungsvorschläge zu machen – es soll seine eigenen Erfahrungen machen dürfen. Versichern Sie Ihren Nachwuchs stattdessen: „Du kannst auf meine Unterstützung beim Auszug bauen, überleg dir bitte konkret, in welcher Form.“

Dr. Filip Caby: „Das klingt hart, aber solange Eltern dabei helfen, selbstständig zu sein, haben beide Seiten den Schuss nicht gehört.“

Eltern haben ein Recht auf ein eigenes Leben

Der Ablöseprozess bedeutet für beide Seiten einen neuen Lebensabschnitt: Der Nachwuchs nimmt seine Entwicklung selbst in die Hand. Und Sie als Eltern können endlich in ihren zweiten Frühling starten. Nach über zwei Jahrzehnten waschen, kochen, putzen, organisieren ist das auch Ihr gutes Recht.

Ein großer Schritt mit zum Teil unangenehmen Entscheidungen. Wollen Sie auch ohne Kinder im Haus ein Paar bleiben? Wollen Sie umziehen? Mit welchen Aktivitäten wollen Sie die frei gewordene Zeit fühlen? Es sind oftmals eben nicht nur die Kinder, die vor dem neuen Lebensabschnitt Angst haben.

Fassen Sie Mut! Ein Blick in die skandinavischen Länder zeigt, dass es sich lohnt. Dort sind die Schweden Spitzenreiter unter den frühen Nestflüchtern. Junge Schweden ziehen durchschnittlich schon mit 16 Jahren aus. Das sorgt für weniger Stress. Kein Wunder also, dass die Schweden in der Weltrangliste der glücklichsten Länder, dem „World Happiness Report“, in der Top 10 mitspielen – Deutschland hingegen nicht.

Dr. Filip Caby: „In Schweden wird Unabhängigkeit und Selbstverantwortung großgeschrieben. In den Familien versucht man, gemeinsame Lösungen zu finden, die für alle Beteiligten eine gute Lösung darstellen.“

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