Fußball-WM: Selbstbewusstes Qatar, selbstgerechtes Berlin

Eines ihrer Versprechen hat die Weltmeisterschaft in Qatar schon erfüllt: Sie ist eine WM der Araber geworden. Über Grenzen und Differenzen ihrer Machthaber hinweg feiern die Fans aus der ganzen Region einen neuen Fußball-Panarabismus.

Vereint sind sie dabei nicht nur in ihrer Freude über das Milliarden-Dollar-Spektakel, das ihnen die reichen Gastgeber spendieren. Vereint sind sie auch in ihrer Ablehnung der westlichen Kritik an der Menschenrechtslage und an der Ausbeutung ausländischer Wanderarbeiter in Qatar. Die ist in der Sache berechtigt, wurde aber zu oft so vorgetragen, dass sie als herablassend und heuchlerisch abgetan werden kann. So kann der sendungsbewusste WM-Verdruss in Ländern wie Deutschland die arabischen WM-Fans irritieren, manchmal sogar sehr ärgern. Er hält sie aber nicht vom Feiern ab.

Die Mechanik der WM

Die politische Mechanik um die WM funktioniert ähnlich. Die deutsche Innenministerin Nancy Faeser hat mit unsensiblen und effekthascherischen Auftritten in Qatar einen folgenschweren Beweis dafür er­bracht. Sie hat die bilateralen Beziehungen beschädigt und in der Sache nichts erreicht. In der qatarischen Regierung herrscht vor allem Verärgerung über eine Besucherin, die, um in der Heimat zu punkten, den Eindruck erweckt, Homosexuelle könnten in Qatar nicht ohne von ihr erstrittene „Sicherheitsgarantien“ auf die Straße gehen. Der letzte Rest der – ohnehin sehr begrenzten – Bereitschaft, sich über die Rechte der LGBTQ-Community zu unterhalten, dürfte in Doha schon vor dem Besuch verpufft gewesen sein.

Qatars Herrscher wollen nach der Weltmeisterschaft ihre strategischen Beziehungen neu ordnen. Und wo­möglich kann die Diplomatie die Verstimmung nicht mehr ausgleichen. Vor dem Ende der WM-Vorrunde hat sich eines schon gezeigt: Einen Mangel an Ernsthaftigkeit und solche Selbstgerechtigkeit, wie die deutsche Regierung sie in Gestalt der Innenministerin gezeigt hat, kann sich Deutschland nicht leisten.

So dringend braucht Qatar uns nun auch wieder nicht. Das gilt sowohl für die Menschenrechte als auch für das Verhältnis zu einem der wichtigsten Energielieferanten der Welt. Erdgasdeals kann es weiter geben. In Doha werden Politik und Geschäft strikt getrennt. Doch bei strategischen Beziehungen und öffentlichen Auftritten von Regierungspolitikern befreundeter Länder gelten andere Regeln.

Berlin hätte die WM in Qatar besser zum Anlass genommen, etwas anderes zu signalisieren: nämlich sich noch stärker in der Golfregion zu engagieren, auch in sicherheitspolitischen Fragen. Das Fußballturnier ist nicht nur für Qatar eine Wegmarke. Es steht zugleich für den globalen Machtgewinn der arabischen Golfstaaten. Und deren autoritäre Monarchen haben längst begonnen, ihre strategischen Beziehungen zu diversifizieren. Sie positionieren sich als unabhängige Akteure, die nicht mehr nach der Pfeife ihrer westlichen Partner tanzen wollen. Sie suchen zwar Sicherheit im Westen, aber Wohlstandssicherung im Osten. Im systemischen Großkonflikt mit China und Russland wollen sie sich nicht für ein Lager entscheiden müssen.

Da spielt Enttäuschung darüber eine Rolle, dass man im Westen die Bedrohung durch Iran lange nicht ernst genug genommen hat. Wie die Untertanen auf den Fanfesten, so haben auch die Herrscherhäuser keine Lust mehr darauf, sich für Menschenrechtsverletzungen von ihren westlichen Partnern öffentlich in die Ecke stellen zu lassen.

Große Herausforderung

Das neue Selbstbewusstsein am Golf ist eine große Herausforderung für die westliche Außenpolitik. Die autoritären Monarchien und ihre tief konservativen Gesellschaften werden unsere Schmerztoleranz für das, was moralisch erträglich und politisch vertretbar ist, noch lange strapazieren. Aber es gibt gute Gründe, das auszuhalten. Colin Kahl, Abteilungsleiter für Verteidigungspolitik im Pentagon, appellierte unlängst an Saudi-Arabien, sich vor Augen zu führen, dass China und Russland die Partnerschaft zu Amerika trotz aller Gegensätze nicht ersetzen können. Er tat das in einem klugen Satz: „Vergleicht uns nicht mit dem Allmächtigen, vergleicht uns mit der Alternative.“ Es ist ein Satz, der in beide Richtungen gilt.

Es braucht keine liebedienerischen Gesten, um die Gunst der Golfstaaten zu erlangen. Man darf nur nicht Haltung mit Herabwürdigung verwechseln. Hinter verschlossenen Türen kann der Westen klare Positionen vertreten, erst recht, wenn er durch Taten zeigt, dass er die Ängste am Golf vor der Bedrohung durch das iranische Regime und den Raketenterror seiner bewaffneten Stellvertreter ernst nimmt. Wer auf diese Weise Respekt und Vertrauen der Monarchen am Golf gewinnt, kann wirksamer über Menschenrechte reden. Und kann sich im Notfall auch einfacher erklären, wenn Außenpolitik mal wieder für ein heimisches Publikum gemacht wurde.

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