Der Exodus der iPhone-Arbeiter

Es war ein ungewöhnliches Angebot: Der Apple-Zulieferer Foxconn hat Arbeitern, die die iPhone-Fabrik im chinesischen Zhengzhou verlassen wollten, eine Abschiedsprämie von umgerechnet 1350 Euro angeboten. Tausende Arbeiter wurden am Donnerstag mit Bussen vom Werksgelände zum Bahnhof von Zhengzhou gefahren.

Friederike Böge

Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

Auf diese Weise versuchte das Unternehmen einen Konflikt zu befrieden, der sich am Mittwoch in gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Arbeitern und Hundertschaften von Polizisten entladen hatte. Die Polizei ging mit Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor, die Arbeiter warfen Absperrgitter und Stangen auf die Sicherheitskräfte. Der Konflikt hatte sich daran entzündet, dass Foxconn in Stellenausschreibungen versprochen hatte, neuen Mitarbeitern zwei Monate nach der Anstellung einen Bonus auszuzahlen.

Prekäre Arbeitsbedingungen

In Verträgen, die am Dienstag verteilt wurden, war der Bonus jedoch auf März datiert. Die Arbeiter fühlten sich hintergangen. Das Unternehmen veröffentlichte am Donnerstag eine schriftliche Entschuldigung und sprach von einem „Fehler“ im Computersystem. Dass der Streit in Gewalt umschlug, hat aber auch mit Chinas Null-Covid-Politik zu tun. Sie führt zu prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen in der von der Außenwelt abgeriegelten Fabrik.

Viele der abreisenden Arbeiter trugen Bettdecken bei sich. Sie fürchteten, wegen des Andrangs keine Tickets zu bekommen und vorerst am Bahnhof zu stranden. Womöglich für mehrere Tage, denn die Lokalregierung von Zhengzhou verhängte einen Lockdown über die Innenstadtbezirke. Von Mitternacht an sollen mehr als sechs Millionen Bewohner ihre Wohnungen für fünf Tage nicht verlassen.

Die Behörden sprachen euphemistisch von „Mobilitätsmanagement“, aber auch von einem „Vernichtungskrieg“ gegen das Virus. Womöglich wird dafür auch der Bahnverkehr unterbrochen. Selbst wenn die Foxconn-Arbeiter es bis in ihre Heimatorte schaffen, steht ihnen dort weiteres Ungemach bevor: Zwangsquarantäne in einem Hotel. Wenn sie Pech haben, werden sie dafür einen Teil ihrer Abschiedsprämie ausgeben müssen.

Unruhen bei  Foxconn: Polizisten gehen am 23. November 2022 gegen einen Mann vor.


Unruhen bei Foxconn: Polizisten gehen am 23. November 2022 gegen einen Mann vor.
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Bild: AP

Dass sich trotz dieser Unwägbarkeiten so viele Arbeiter zur Abreise entschieden, zeigt wie unhaltbar ihnen die Zustände in der größten iPhone-Fabrik der Welt erschienen. Viele hatten Angst, sich dort mit Corona zu infizieren und damit auch ihren Anspruch auf den versprochenen Bonus zu verlieren. Für Verunsicherung sorgte, dass Neuankömmlinge, die vor Arbeitsantritt eine Quarantäne durchlaufen mussten, mit anderen Arbeitern gemeinsam am Fließband stehen sollten.

Ein Arbeiter sagte der F.A.Z., diese Kollegen seien mehrere Tage nicht getestet worden. Aus seiner Sicht erhöhe sich damit sein Ansteckungsrisiko. Aus solchen Ängsten wurden schnell Gerüchte, negativ Getestete müssten mit Infizierten in einem Raum schlafen. Man kann sich vorstellen, was ein solches Gerüchteklima für Genesene bedeutet.

Für Apple und seinen Zulieferer Foxconn ist der Exodus vom Donnerstag ein weiterer Rückschlag. Schon Ende Oktober hatte die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass die Produktion in der Fabrik um bis zu 30 Prozent einbrechen könnte, nachdem Tausende Arbeiter wegen eines Corona-Ausbruchs fluchtartig das Werksgelände verlassen hatten. Apple teilte am Donnerstag mit, ein Team des Unternehmens sei vor Ort, um sich ein Bild der Lage zu machen und sicherzustellen, dass die Befürchtungen der Mitarbeiter geprüft würden.

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