Reformen und Armut
Millionen in Geldnot – Wie wirken die Reformen?
Aktualisiert am 02.06.2026 – 15:11 UhrLesedauer: 3 Min.
Viele können heute schon ihre Rechnungen für Strom, Heizung oder einen neuen Kühlschrank nicht bezahlen. Wie wirken die Reformpläne der Regierung auf die steigenden Armutsrisiken in Deutschland?
Mit mehr als 13 Millionen armutsgefährdeten Menschen erlebt Deutschland einen Höchststand. Der Paritätische Wohlfahrtsverband spricht in seinem neuen Armutsbericht von „einem traurigen Rekord“. 16,1 Prozent der Bevölkerung erzielten 2025 so wenig Einkommen, dass sie statistisch als armutsgefährdet gelten.
Deshalb mahnt der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Joachim Rock, die Regierungskoalition: „Jetzt immer neue Kürzungen zu diskutieren, schürt Angst und Unsicherheit.“ Welche Reformpläne geraten bei der Armutsdiskussion in den Fokus?
Zuletzt lag die „Armutsquote“ in Deutschland 2020 bei 16,1 Prozent. Dann sank sie auf 14,4 Prozent 2023 und stieg ab dem Folgejahr wieder – allein von 2024 zu 2025 um 0,6 Prozentpunkte. „Wir sehen eine Gesellschaft, die sozial weiter auseinanderdriftet“, mahnt Rock.
Weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens
Der Verband nennt diesen Teil der Bevölkerung armutsbetroffene Menschen oder Arme. Für die offizielle Statistik etwa des Statistischen Bundesamts, das die Zahlen bereits im Februar veröffentlicht hatte, sind es dagegen Menschen, die Gefahr laufen, arm zu werden. Es sind all jene, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Bei Alleinlebenden lag diese Grenze zuletzt bei netto 1.446 Euro im Monat, für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 3.036 Euro.
Armutsfalle Lebensabend?
Betroffen ist ein breiter Personenkreis – darunter 19,5 Prozent der Ab-65-Jährigen. „Der Lebensabend droht zur Armutsfalle zu werden“, warnt der Wohlfahrtsverband. Die Situation Älterer sei „angespannt“.
Auch andere Gruppen sind stärker betroffen: Alleinlebende (Quote der Armutsgefährdeten: 30,3 Prozent), Alleinerziehende (28,9 Prozent) oder Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss (29,1 Prozent).
70 Prozent der Betroffenen haben laut dem Armutsbericht die deutsche Staatsbürgerschaft, 30 Prozent sind Ausländerinnen oder Ausländer. Der Verbandsgeschäftsführer sagt zudem, es sei für viele vielleicht ein „überraschender Befund, dass ein Fünftel der Armen erwerbstätige Arme sind“.
Höchste Quoten in Bremen und Sachsen-Anhalt
„Gleichzeitig wächst die Kluft zwischen Regionen und Bevölkerungsgruppen“, sagt Rock. So gibt es in Bayern und Baden-Württemberg mit ihrer jeweils starken Wirtschaftsstruktur laut Bericht die niedrigsten Betroffenenquoten, mit 12,6 bzw. 13,2 Prozent.
Die höchsten Anteile an Betroffenen gibt es demnach in Bremen (27,5 Prozent), Sachsen-Anhalt (21,3 Prozent) sowie Hamburg (18,9 Prozent) und Berlin (18,7 Prozent). Im Westen gibt es Höchststände in Regionen wie Trier (21,4 Prozent), Weser-Ems (20,8 Prozent) und Arnsberg (19,6 Prozent), im Osten etwa in Regionen wie Chemnitz (18,2 Prozent) oder Leipzig (17,4 Prozent).
Starke Entbehrungen bei 4,6 Millionen Menschen
Millionen haben akute Finanznot. Angesichts der statistischen Unsicherheit, wer tatsächlich arm ist, richtet der Verband seinen Blick mit Hilfe weiterer Zahlen auch auf die „erheblichen materiellen Entbehrungen“. Zuletzt waren 4,6 Millionen Personen in Deutschland davon betroffen – darunter etwa eine Million Kinder und Jugendliche und 650.000 Altersrentnerinnen und -rentner. Bei 6,9 Prozent der Bevölkerung reichten die Finanzen 2025 nicht, um laufende Kosten zu decken. Oft konnten die steigenden Preise für Strom und Heizung nicht bezahlt werden, oft auch kein neuer Kühlschrank oder neuer Herd.
