Russische Streitkräfte dringen mit hybriden Kriegsführungstaktiken wie Überwachung, Luftraumverletzungen und psychologischen Operationen in EU- und NATO-Territorium vor – und das zunehmend auch im digitalen Bereich.
Das erlebte ein in Litauen stationierter deutscher Soldat, als er ans Telefon ging und seine eigene Stimme – ein Gespräch, das er erst wenige Stunden zuvor geführt hatte – eines unbekannten Anrufers hörte.
„Ein Kamerad ruft zu Hause an, spricht eine halbe Stunde und erhält dann einen Anruf von einer unbekannten Nummer. Er antwortet – und hört sein eigenes Gespräch von früher, aufgezeichnet und abgespielt“, beschrieb Joshua Krebs die Erfahrung in seinem Buch „Inside Bundeswehr“.
Krebs nannte diese Art der einschüchternden Überwachung „unheimlich“.
Auch die europäischen Streitkräfte, darunter die Bundeswehr, erleben ähnliche hybride Aktivitäten im eigenen Land.
Mit Drohnen sollen angeblich sensible Verteidigungssysteme wie das Flugabwehrsystem Arrow 3 sowie Übungen der deutschen Panzerbrigade 45 in Litauen ausgespioniert worden sein.
Im vergangenen Jahr wurde während der Bundeswehrübung „Iron Wolf“ in Litauen ein russisches Aufklärungsflugzeug im benachbarten weißrussischen Luftraum entdeckt.
Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, bezeichnete den Vorfall als „Beweis für die sehr reale Bedrohung Litauens“.
Dass die hybride Kriegsführung Litauen ein besonderes Anliegen sei, betonte auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bei seinem Treffen mit seinem litauischen Amtskollegen Ende Januar in Berlin.
Laut Pistorius ist die Bedrohung durch Russland in Litauen und im gesamten Baltikum stärker zu spüren als anderswo in Europa, beispielsweise durch provokative Eingriffe in den Luftraum.
Luftraumverletzungen: Provokation oder Versehen?
Pistorius bezog sich auf einen Vorfall im Oktober 2025, als zwei russische Kampfflugzeuge kurzzeitig in den litauischen Luftraum eindrangen.
Nach Angaben der litauischen Streitkräfte blieben sie etwa 18 Sekunden dort, bevor sie umkehrten, eskortiert von NATO-Flugzeugen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezeichnete den Vorfall als eine weitere russische Provokation.
Es wird angenommen, dass die Jets aus der russischen Exklave Kaliningrad kamen, die direkt an Litauen grenzt.
Aufgrund der unmittelbaren Nähe der baltischen Staaten zu russischem Territorium gilt der Luftraum über der Region als besonders sensibel und steht unter ständiger Überwachung und Schutz durch die NATO.
Deutschland, Spanien und Großbritannien leiten derzeit die Mission zur Überwachung des baltischen Luftraums, da Estland, Lettland und Litauen über keine eigenen Kampfflugzeuge verfügen.
Auch Deutschland spielt vor Ort eine direkte Rolle. „Deutschland unterstützt den Schutz des litauischen Luftraums unter anderem mit einem mobilen Luftwaffengefechtsstand zur Luftüberwachung von Januar bis März dieses Jahres“, sagte Pistorius im Januar.
„Kleine grüne Männchen“ in den baltischen Staaten schüren Angst
Wirkliche Konsequenzen gab es nach dem Vorfall nicht, nicht zuletzt weil sich die hybride Kriegsführung in einer rechtlichen Grauzone befindet. Oft ist unklar, ab wann eine Aktion einen Angriff darstellt, wann eine Reaktion berechtigt ist und vor allem, wie diese Reaktion aussehen soll.
Eine große Schwierigkeit ist das Fehlen eindeutiger Beweise – sowohl hinsichtlich der tatsächlichen Auswirkungen als auch der Verantwortlichen. Im Gegensatz zum kurzzeitigen Eindringen russischer Kampfflugzeuge in fremde Lufträume lassen sich viele hybride Aktivitäten nicht direkt einem einzelnen Akteur zuordnen.
Dennoch wird die Absicht im Großen und Ganzen als dieselbe verstanden: provozieren, verunsichern und Angst säen. Auch die Reaktion ist meist ähnlich – Besorgnis, Verurteilung und Aufrufe, damit aufzuhören.
Als russische Grenzschutzbeamte im Dezember letzten Jahres ohne Genehmigung NATO-Territorium in Estland überquerten, reagierte Tallinn auf diplomatischem Wege, indem es Moskau lediglich um eine Erklärung bat und ein Treffen zwischen russischen und estnischen Grenzbeamten einberief.
Es war keine isolierte Episode. Einige Monate zuvor war nahe der estnischen Grenze eine Gruppe bewaffneter Männer in Militäruniformen – aber ohne Abzeichen – gesichtet worden.
Vorfälle dieser Art erinnern an die sogenannten „kleinen grünen Männchen“, die 2014 auf der ukrainischen Halbinsel Krim auftauchten. Kurz darauf annektierte Moskau die bis heute unter russischer Besatzung stehende Krim illegal.
Die nicht identifizierten Soldaten drangen nicht weiter in estnisches Gebiet vor. Experten zufolge wurde der Vorfall vom Oktober weitgehend als psychologische Taktik und nicht als glaubwürdige militärische Bedrohung angesehen.
Vielmehr schien es ein Zeichen der Präsenz zu sein – eine Möglichkeit für Russland, seine Präsenz zu signalisieren und die Nerven auf Trab zu halten.
Wann ist eine Antwort legitim?
Grundsätzlich ist das Völkerrecht in einem zentralen Punkt klar. Gemäß Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta ist es Staaten verboten, einander zu bedrohen oder Gewalt gegeneinander anzuwenden. Konventionelle militärische Angriffe fallen eindeutig unter diese Definition.
Hybride Aktivitäten gelten jedoch nicht automatisch als „bewaffneter Angriff“ im rechtlichen Sinne – der Schwelle, die das Recht eines Staates auf Selbstverteidigung gemäß Artikel 51 der UN-Charta auslösen würde.
Stattdessen muss jeder Fall individuell beurteilt werden, wobei je nach Art und Schwere des Vorfalls unterschiedliche Rechtsgebiete zur Anwendung kommen können.
Auch hier gilt das Völkerrecht, einschließlich des allgemeinen Grundsatzes, dass Staaten sich nicht in die inneren Angelegenheiten anderer einmischen dürfen.











